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Paternosterfahrer: Merry Crisis and a Happy New Fear

Insider Nº315 / 16 24.12.2016 Kommentar

Geschätzte Paternosterfahrer,

die historische Bedeutung der Gegenwart, sagt man, erkennt man immer erst im Nachhinein. Doch dem soeben zu Ende gehenden Jahr 2016 kann man getrost jetzt schon das Attribut „umwälzend“ umhängen. – Wie es mein Nachbar von unserem Haus im Salzkammergut bei meinem letzten Besuch so treffend sagte: „Manchmal weiß man nimmer, ob die Ereignisse die Schlagzeilen vor sich hertreiben oder umgekehrt.“ Damit hat er wohl nicht ganz unrecht.

Aber eines nach dem anderen: So kurz nach dem furchtbaren Anschlag in Berlin auf dem Weihnachtsmarkt vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche möchte ich kurz innehalten und der Opfer und deren Angehörigen gedenken. Nicht nur für sie wurde das Fest des Friedens von tiefer Trauer überschattet – und von Angst, Wut und Ratlosigkeit. Wobei – Letzteres sind wir doch, Hand aufs Herz, schon seit Beginn des Jahres gewohnt.

Die Ratlosigkeit wurde zum bestimmenden Gefühl dieses Jahres, betrachtet man die stete Gewalteskalation in Syrien, namentlich in Aleppo, oder in der Türkei, die sich mehrenden Terroranschläge in ganz Europa, den schwelenden Konflikt in der Ukraine oder die sich mehrenden Bad News von der Klimawandelfront usw. usf. Dieses Jahr hatte es in sich. Vor allem bleibt eine Erkenntnis: Nichts ist in Stein gemeißelt, und wir beißen uns die Zähne aus – an Fake-News und an einer grassierenden Faktenablehnung. Dinge, die wir bisher nie für möglich gehalten haben, sind tatsächlich eingetreten. Im Juni der Brexit, im November die Wahl von Donald Trump und letzten Endes im Dezember das abgelehnte Verfassungsreferendum in Italien, das den Rücktritt von Premier Matteo Renzi zur Folge hatte. Ein Schuss nach dem anderen, die allesamt nach hinten losgegangen sind.

Angesichts dessen sei auch dringend davon abgeraten, als Bundespräsidentschaftskandidat privat mit einer Glock im Halfter herumzulaufen. Denn auch hierzulande hat sich im Zuge der sich über beinahe ein ganzes Jahr hinziehenden Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung (Erhard Stackl, CR des „Jüdischen Echos“, Anm. d. Red.) gezeigt, als „die FPÖ ihre bisher erfolgreichste Wahl annulliert hat“, um mit den Worten von ORF-Anchorman Armin Wolf zu sprechen, dass, wer scharf schießen will, sich tunlichst nicht über Ladehemmungen wundern sollte. Allzu schnell schießt man sich mit dem Öxit gar nicht so arschknapp ins eigene Knie.

Die Finanzbranche hingegen hat entgegen den Erwartungen all die tektonischen Verwerfungen auf der politischen Bühne recht lässig weggesteckt. Nachdem es im ersten Quartal an den Börsen nicht gerade rosig ausgesehen hat, zogen die Märkte weltweit im Laufe des Jahres jedoch deutlich an. An der Wallstreet konnte man sogar einen Rekordpunktestand vermelden. Und obwohl das Börsenjahr hierzulande alles in allem recht stürmisch war – Willibald Cernko tritt als Bank-Austia-Boss zurück, die Enthüllung der Panama Papers erzwingen den Abgang von Michael Grahammer, Christoph Boschan wird im Jubiläumsjahr des ATX (25 Jahre) neuer Börsenvorstand, das „Wirtschaftsblatt“ sperrt zu, Cernko steigt wieder bei der Erste Group ein, bevor Erste-Bank-Chef Thomas Uher das Handtuch wirft, wonach im vierten Quartal unser Finanzminister Hans Jörg Schelling den Hypo-Deal in trockene Tücher bringt, bevor 2.000 Stellen in der Bank Austria mit Golden Handshake gestrichen wurden –, konnte man es dennoch auf einem Jahreshöchststand beenden. Wenn das kein „Hoffnungsschimmel“ ist.

Umso besser, wenn der Finanzmarkt dazu imstande ist, Hoffnung zu verbreiten. Denn die werden wir im kommenden Jahr dringend notwendig haben. Und auch wenn das Osteuropageschäft trotz der auch dort politisch brisanten Zeiten eine deutlich bessere Entwicklung verspricht: Die Herausforderungen, die auf uns warten, werden keineswegs geringer. Wir passionierten Paternosterfahrer würden uns freilich freuen, wenn auch die Politiker erkennen, dass ein überreglementierter Kapitalmarkt für die Wohlstandsentwicklung nichts weiter als einen Hemmschuh aus Beton darstellt. Der selbstkritische Staatssekretär Harald Mahrer nannte Österreich in dem Zusammenhang sogar ein „Steinzeitland“. Frische Impulse wie die von Mahrer ins Spiel gebrachte KMU-Wachstumsbörse sind freilich höchst willkommen, damit WKO-Präsident Christoph Leitl seine Heimat nicht mehr „abgesandelt“ schimpfen muss. Doch damit ist es längst nicht getan – packen wir es an.

„Merry Crisis and a Happy New Fear“ lautet ein oft geteilter Weihnachtswunsch auf Facebook – ja, wir werden uns noch über so einiges wundern im kommenden Jahr, die Voraussetzungen für Überraschungen aller Art sind gegeben. Darauf sollten wir eingestellt sein. Doch wir werden die Herausforderungen meistern, wenn wir die Gesamtinteressen des Lands in den Vordergrund stellen und mit gegenseitigem Respekt im konstruktiven Dialog dahingehend zusammenarbeiten. Das wäre doch gelacht. – Ich wünsche mir für 2017 vonseiten der Politik mehr Sachbezogenheit und weniger Panikmache, mehr Impulse für den Finanzmarkt und weniger Hemmschuhe. Euch Paternosterfahrer im Speziellen wünsche ich ein erfolgreiches neues Jahr und uns generell vor allem weiterhin Frieden in Europa.

In diesem Sinne,
„Cash up!“

Der Börsianer

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