Wenn die Börsen auf Talfahrt gehen, sollen wir den Glauben dennoch nicht verlieren. Warum, das hat uns der Investmentbanker, bekennende Punk und Nonkonformist Gerald Hörhan im Interview verraten.Gerald Hörhan studierte in Harvard angewandte Mathematik und Betriebswirtschaft, arbeitete für McKinsey und sammelte bei JP Morgan Wallstreet-Erfahrung. Heute ist er Eigentümer und Vorstand eines international tätigen Corporate-Finance-Unternehmens. In seinen Büchern „Investmentpunk" und dem unlängst erschienenen „Gegengift" setzt er sich kritisch mit den Sollbruchstellen des heutigen Wirtschaftssystems auseinander. Sind Sie als Investmentbanker Berufsoptimist, oder haben Sie den Glauben an eine baldige Erholung der Märkte aufgegeben?Ich bin kein Optimist, sondern Realist. Realistisch betrachtet, werden wir auf eine Phase der Inflation zusteuern. Über das Anwerfen der Notenpresse haben sich bekanntlich schon in der Vergangenheit viele Staaten entschuldet. In diesem Zusammenhang glaube ich als Investor an harte Vermögenswerte wie Immobilien oder Aktien von dividendenstarken Unternehmen. An Aktien glaubt derzeit nur eine Minderheit. Sind die massiven Kursverluste demnach eher Ausdruck des Herdentriebs als wirtschaftlicher Daten?Kurzfristig sind die Märkte natürlich rein psychologisch und vom Glauben getrieben. Aber langfristig spiegeln sie die ökonomischen Realitäten wider. Daraus ergeben sich Anomalien, die man erkennen muss. Zum Beispiel?Nach dem Platzen der New-Economy-Blase gab es Unternehmen, deren Börsenkapitalisierung geringer war als ihr Bestand an Cash abzüglich der Schulden und die profitabel waren. Vor ein paar Jahren waren griechische Staatsanleihen in etwa ebenso gut verzinst wie deutsche. Es ist eine Besonderheit der Finanzmärkte, dass in Boomzeiten Risiken unterbewertet und in Krisenzeiten überbewertet werden. Das heißt, Sie investieren gerade jetzt in der Krise?Wenn der Markt zusammenbricht, kostet es uns zwar immer etwas psychologische Überwindung. Aber wir kaufen dann etwa das Zwei- bis Dreifache an Aktien im Vergleich zu normalen Umständen. Sie sind einer der wenigen Investmentbanker, die sagen, dass die Finanzmärkte den Interessen einer Minderheit dienen und die Mehrheit darunter leidet. Ich sage, dass die Schuldenpolitik der amerikanischen Mittelschicht die Finanzkrise verursacht hat. Die Banken machten das zu einem Geschäft und haben es in die ganze Welt verkauft. Dazu kam das Problem mit dem Handel von Derivaten in den Schattenbanken. Viele Banken haben diese komischen Wertpapiere (Credit Default Swaps, Anm.) nicht selbst gekauft, sondern eine Tochtergesellschaft gegründet und damit auf Wertpapiere spekuliert, die sie nicht verstanden haben. Würden Kommerzbanken und Investmentbanken ihrem Geschäft nachgehen, würde es kaum derartige Probleme geben. Nun ist der Schaden aber da. Vor allem junge Menschen haben den Glauben an das System verloren. Klar! Wenn ich bei meinen Vorträgen frage, wer noch an das Pensionssystem glaubt, zeigen von hundert Leuten vielleicht zwei auf. Die junge Generation wird für das, was jetzt passiert, brutal zahlen müssen. Sie werden nicht nur durch Inflation enteignet. Sie werden auch für die überbordenden Sozialsysteme im eigenen Land zahlen müssen. Für Bundesländer, Verwaltung und alles. Auch für den Blödsinn in Griechenland, Spanien und Portugal und so weiter. Aber leider sind wir Jungen zu träge. Es gibt keine koordinierte Protestbewegung.