Hier scheint die Verrücktheit daheim zu sein: Die Farbkleckse an den Wänden fügen sich mit alten Designmöbelklassikern und Doka-Platten sowie ein paar Kunstinstallationen in die Räumlichkeit.Worum es hier wirklich geht, lassen nur die herumstehenden Nähmaschinen erahnen. Dieser schrille wie einladende Ort nennt sich nämlich Butt Lab (frei übersetzt: Arsch-Labor) und ist so etwas wie das Herzstück des Unternehmens der Gebrüder Stitch. Moriz Pfiffl und Michael Lanner versprechen ihren Kunden nämlich nicht weniger, als ihnen die perfekte Maßjeans auf den Leib zu schneidern. Denn die beiden ehemaligen Werbeprofis sind damit nach eigenen Angaben die ersten Jeans-Maßschneider der Welt und mittlerweile dick im Modegeschäft. Dabei hat alles als Hirngespinst begonnen. Idee im MorgengrauenKonkret soll der Geistesblitz für die Herstellung der perfekten Hose vor rund zwei Jahren irgendwann zwischen einem nachmittäglichen Kaffee und einer frühmorgendlichen „Eitrigen" mit Bier an einem Wiener Würstelstand entstanden sein. „Ideen hat man ja viele, die meisten kommen und gehen dann auch wieder, manche sind lästig und lassen einem auch nach Wochen keine Ruh. Das sind die guten", meint Moriz Pfiffl.Dass die beiden Werber zunächst keinen Schimmer vom Nähen, Schnittezeichnen, Gradieren, Färben oder von Washings hatten, lässt sich heute als Unternehmermärchen freilich ganz gut verkaufen. Dass sie zunächst als Verrückte abgestempelt wurden und niemand als Finanzier bereitstand, ist dagegen auch irgendwie verständlich. Da die eigene Weiterbildung und die Vorfinanzierung von Kollektionen dennoch einiges an Kapital nötig machte, haben die Gebrüder Stitch eben ihre eigene Form von Risikokapital aufgestellt. „Wir haben das wenige, das wir hatten, auf den Tisch gelegt und uns von allen Fixkosten gelöst. Auto weg, Wohnung weg. Viele Betriebsmittel haben wir selbst gebastelt. Und wenn du wenig laufende Kosten hast und bei Freunden auf der Couch pennst, hast du zwar wenig Komfort und wirst schräg angeschaut, aber du hast plötzlich Zeit, dich auf dein Projekt zu konzentrieren", erzählt Moriz Pfiffl. Wo ein Wille, da ein Weg, lautet die Botschaft, welche die Gebrüder Stitch seither in die Welt hinaustragen.In ihrem Shop am Gaudenzdorfer Gürtel in Wien herrscht mittlerweile jedenfalls Hochbetrieb. Ab 220 Euro ist bei ihnen eine Maßhose zu haben. Ein relativ fairer Preis, wenn man bedenkt, dass die Produktionszeit ein Vielfaches eines Fabrikats von der Stange beträgt und man im Hause Stitch Wert darauf legt, „so nachhaltig wie möglich zu produzieren". Mittlerweile stehen auch die Schulterklopfer parat. „Wir hören oft von Leuten, die meinen, dass sie selbst schon eine solche Idee hatten und dass es logisch sei, dass so etwas funktioniert. Doch wer hat am Anfang an uns geglaubt? Keine Sau!", klagt Moriz Pfiffl. Wieso haben es die beiden geschafft? Es muss wohl die Kombination aus Leidenschaft, Risiko und Verrücktheit bei einem gleichzeitig klaren Geschäftsplan gewesen sein. Pfiffl meint, dass trotz anfänglich fehlenden Netzwerkes in der Modebranche die Skills aus der Werbebranche sehr geholfen haben. Vielleicht ist also nicht jede skurrile Anekdote aus der Stitch’schen Familienchronik (die übrigens auch als Blog im Internet nachzulesen ist) ganz bierernst zu nehmen. (dn) www.gebruederstitch.at