Downgrading, Schulden- und Vertrauenskrise. Liegt das Jahrhundertprojekt Europäische Union in den letzten Zügen? Keineswegs, befindet der ehemalige deutsche Außenminister, Vizekanzler und Mitarchitekt des Euro Hans-Dietrich Genscher.Am Rande des Wiener Kongresses Comsult erklärte er uns, wieso Europa gestärkt aus der Krise gehen wird.„Ich bin von der Natur her Optimist. Wenn Europa die Probleme 1945 lösen konnte, dann kann es das auch heute! Wie aus allen Krisen wird Europa auch aus dieser Krise gestärkt und europäischer hervorgehen. Natürlich werden wir auch in zehn Jahren noch mit dem Euro bezahlen."?Europäische Leadership: „Deutschland bemüht sich darum, Europa wieder auf einen Stabilitätskurs zu führen, der notwendig ist, um das Vertrauen in die Zukunft der europäischen Märkte und der Währung zu stärken. Der Pluspunkt ist, dass Deutschland und Frankreich momentan zusammenarbeiten. Das war immer gut für Europa. Es wäre zweifelsfrei vernünftig, wenn diese Zusammenarbeit auf Polen erweitert würde. Polen ist das Land mit der größten Wachstumsrate, sozusagen der Wirtschaftsmotor der Union, und es repräsentiert die Länder aus dem vormaligen Machtbereich der Sowjetunion. Deshalb bin ich der Meinung, dass dieses Dreieck eine Antriebsgruppe sein könnte, um den Prozess der europäischen Integration voranzutreiben. Wobei klar sein muss, sie sollen antreiben und nicht anderen deren Meinung aufzwingen."?Ratingagenturen: „Europa muss sich Gedanken darüber machen, ob man die Beurteilung der ökonomischen Situation allein amerikanischen Ratingagenturen anvertrauen will. Es kann nicht richtig sein, dass alle tonangebenden Agenturen alle in derselben Stadt ansässig sind und aus dem Blickwinkel eines anderen Währungsgebietes zu ihren Ergebnissen kommen. Ich glaube, dass solche Agenturen kein Meinungsmonopol haben. Deshalb möchte ich nicht eine, sondern mehrere europäische Ratingagenturen sehen." Wirtschaftspolitik: Wir brauchen eine europäische Wirtschaftspolitik. Das war schon klar, als wir mit der Währungsunion begonnen haben. Leider ist auch Deutschland damals nicht mit dem Gewicht, wie es gekonnt hätte, für eine wirtschaftliche Koordinierung eingetreten. Heute wissen wir noch mehr, wie nötig eine stärkere Abstimmung der Politik ist, was nicht bedeutet, dass wir die Eigenheiten der einzelnen Volkswirtschaften aufheben sollen. Ich mahne ein, dass wir aber noch viel weiter gehen müssen. Das ist absolut notwendig. Erweiterung: Bereits in den 1960er-Jahren hat man der Türkei einen Beitritt in Aussicht gestellt. Rückblickend war das natürlich verfrüht. Aber die Türkei von damals ist nicht mehr die Türkei von heute. Versprechen müssen eingehalten werden. Wenn man wie jetzt Verhandlungen führt, muss, bei einem erfolgreichen Abschluss dieser, ein Beitritt die Konsequenz sein. Was die anderen Staaten in Europa angeht, muss das von Fall zu Fall entschieden werden.