Donnerstag, 17.05.2012 - aktualisiert um 20:29:00 | Österreich Edition
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Verfasst am 30.01.2012 um 00:00, Autor: Die Wirtschaft
Große Wirkung, kleiner Preis
Ohne das nötige Kapital ist leider auch die beste Idee nicht besonders viel wert. Um in diesen Fällen die Verwirklichung zu ermöglichen, wurden Mikrokredite erfunden.Ein Instrument aus der sogenannten Dritten Welt, das mittlerweile auch in Industriestaaten Anwendung findet. In ihrem Kern unterscheiden sich Mikrokredite in Afrika und Indien nicht von jenen in Europa oder den USA: Es geht erstens immer um einen relativ überschaubaren Betrag, das können 200 Dollar sein oder 20.000 Euro. Zweitens richten sich Mikrokredite meist an Menschen, die bei klassischen Banken nicht kreditwürdig sind. Drittens, und an diesem Punkt trennt sich bei den Anbietern die Spreu vom Weizen, verfolgen echte Mikrokredite in erster Linie nicht das Ziel, möglichst hohe Gewinne für den Geldgeber abzuwerfen, sondern dem Kreditnehmer auf die Beine zu helfen. Aus diesem Grund ist dieses Werkzeug für die Näherin oder den Obstverkäufer an der Elfenbeinküste ebenso interessant wie für die Friseurin in St. Pölten oder die IT-Schmiede in Innsbruck. Schließlich können auch heimische Anleger ihr Geld zu bescheidenen Zinsen, aber sehr sicher anlegen und dabei einmal nicht die unbedingt höchste Rendite, dafür aber eine ganz reale, positive Veränderung im Leben anderer Menschen bewirken. Dellen im ImageEs überrascht daher nicht, dass Mikrokredite viele Jahre als Wunderwaffe gegen die weltweite Armut gefeiert wurden, vor rund zwei Jahren bekam ihr Ruf allerdings einige entscheidende Kratzer. Wie aber steht es um das Thema heute? Und abgesehen davon: Auf welche Angebote können österreichische Anleger und Antragsteller zurückgreifen?Hier einige Hintergrundinfos und Anregungen. Die Grundidee stammt von Muhammad Yunus aus Bangladesch. Nach dem Wirtschaftsstudium in den USA wurde der heute 71-Jährige in seiner Heimat Professor und „lehrte elegante Wirtschaftstheorien, während auf der Straße Menschen verhungerten", wie er sich heute erinnert. 1976 begann er damit, kleine Beträge an mittellose Frauen zu verleihen – ohne Sicherheiten und zu deutlich niedrigeren Zinsen als die Wucherer, auf die sie sonst angewiesen waren. Lange wurde Yunus dafür ausgelacht. Doch 1983 gründete er die Grameen Bank, zu deutsch „Dorf-Bank", und machte weiter. Heute zählt die Bank acht Millionen Kreditnehmer, die meisten von ihnen Frauen. 2006 bekam Yunus für sein Lebensprojekt den Friedensnobelpreis. Kredite für die MassenInzwischen wurde das Modell tausendfach rund um den Globus kopiert. Millionen Menschen konnten damit Werkzeuge, ein Fahrrad, eine Nähmaschine oder ein paar Hühner kaufen, einen Marktstand bauen und so dem Dreieck aus Hunger, Kredithaien und Wucherzinsen entkommen und die Darlehen zurückzahlen. Das wiederum lockt bis heute Finanzfirmen an, die mit überhöhten Zinsen unter dem Deckmantel echter Mikrokredite nur echte Rendite erwirtschaften wollen und von Wien bis Neu-Delhi um Investoren werben. Eines davon ist SKS Microfinance aus Indien, das mit dem Versprechen auf hohe Erträge 2010 sogar an die Börse ging.Wenige Monate darauf häuften sich im indischen Staat Andra Pradesh, wo SKS besonders aktiv war, die Selbstmorde unter säumigen Schuldnerinnen. Plötzlich kippte weltweit die Stimmung. Nun standen Mikrokredite insgesamt und mit ihnen auch ihr Erfinder Yunus international am Pranger. „Wer sich daran bereichert, dass er armen Menschen Geld leiht, ist ein Ausbeuter", wiederholt der Nobelpreisträger seither immer wieder zu seiner Verteidigung, zuletzt vergangenen November in Wien. Zahlreiche Anbieter würden die Bezeichnung „Mikrokredit" nur missbrauchen. Auch seien Mikrokredite keine Lösung für strukturelle Probleme oder Ersatz für sinnvolle Politik. Geld mit Know-how verbunden„Mikrokredite sind kein Allheilmittel, sondern nur ein Baustein für Menschen vor Ort, die wirklich etwas unternehmen wollen", sagt auch Günter Lehnhart, der ehrenamtlich für die österreichische Niederlassung von Oikocredit arbeitet. 1975 vom ökumenischen Weltkirchenrat gegründet, ist die Mikrokredit-Organisation heute ein etablierter und verlässlicher Partner für private Geldgeber. 30 Millionen Menschen in 70 Ländern zählt Oikocredit zu ihren Kunden. Über lokale Partner bekommen sie Kredite bis etwa 500 Euro in Landeswährung, bäuerliche Genossenschaften entsprechend mehr. Die Rückzahlung erfolgt in der Regel innerhalb eines Jahres, und das trotz Zinsen zwischen neun und elf Prozent. Der eigentliche Mehrwert liegt in der umfassenden Schulung und Betreuung der Kreditnehmer während der unternehmerischen Tätigkeit. Soziale Anlage ohne SchwankungenAnleger werden ab einem Betrag von 200 Euro Mitglied dieser Genossenschaft. Oikocredit garantiert eine jährliche Dividende von zwei Prozent und bei Austritt die Rückzahlung der vollen Anlagesumme. „Bei uns gibt es keine Kursschwankungen, keine Depotgebühren und keine zwischengeschalteten Fonds", so Lehnhart. Die Differenz zwischen Zinsen und Dividende fließt vor allem in die Betreuung vor Ort, dient aber auch als Ausgleich bei Währungsschwankungen.Anders als die meisten kommerziellen Mikrokreditanbieter konzentriert sich die Organisation mit christlichen Wurzeln nicht nur auf „bessere" Gegenden in Asien und Südamerika, sondern verleiht knapp die Hälfte der Gelder in Afrika südlich der Sahelzone. Dort ist, wie überall auf der Welt, längst nicht jeder mittellose Mensch gleich ein begabter Unternehmer. Trotzdem geben die Zahlen Oikocredit recht: Die Ausfallquote liegt seit Jahrzehnten bei unter einem Prozent. Haben die anderen 99 Prozent ihren Kredit abbezahlt, darf man davon ausgehen, dass sie mehr haben als ihre leeren Hände – im Idealfall einen funktionierenden Kleinbetrieb.
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