Wirtschaftstheorie: Geschäftstüchtige Protestanten, träge Katholiken und erfolglose Muslime? Rückschlüsse von der Religion auf den wirtschaftlichen Erfolg sind von jeher populär – aber nur teilweise zutreffend.Protestanten sind die besseren Unternehmer! Klar, denn während sich Katholiken, Muslime oder Konfuzianer einem göttlichen Plan unterordnen, nehmen die Evangelischen ihr Schicksal selbst in die Hand. Demnach hat die industrielle Revolution auch nicht zufällig gerade im vormals rückständigen Europa ihren Anfang genommen und den wirtschaftlich lange tonangebenden Orient endgültig ins Hintertreffen geführt. Der Grund: die protestantische Arbeitsmoral, die auf die fortlaufende Schaffung von Kapital abzielt und aufgrund der Spar- und Investitionsbildung zu größerem Wohlstand führt. Mit in etwa diesen Argumenten wurde der Soziologe Max Weber vor mehr als 100 Jahren zu einem Klassiker, an dem selbst heute noch kaum ein Wirtschaftsstudent vorbeikommt. Der Zusammenhang zwischen religiöser Prägung und wirtschaftlichem Erfolg ist seither ein besonders reizvolles sowie umstrittenes Thema. Weber erkannte die protestantische Ethik als Triebfeder des modernen Kapitalismus. Viele Wirtschaftswissenschaftler befanden Webers Thesen allerdings auch als vereinfachten Humbug. Was bleibt rund 90 Jahre nach seinem Tod? Bildung wichtiger als Religion„Es gibt nachweislich einen empirischen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Religion. Das zeigen uns Methastudien zum langfristigen Wirtschaftswachstum", erklärt Bernd Brandl, Vorstand des Instituts für Wirtschaftssoziologie der Uni Wien. So belegen etwa Studien der Ökonomen Xavier Sala-i-Martin und Robert J. Barro, dass sich seit dem Zweiten Weltkrieg die protestantischen Länder verhältnismäßig besser entwickelten als die katholischen.Sollten andersgläubige Unternehmer also sofort konvertieren? So einfach ist die Sache freilich nicht. „Die Religion ist de facto einer von mehreren Indikatoren, die wirtschaftlichen Erfolg ausmachen", relativiert Brandl. Zu einer in diesem Zusammenhang interessanten Erkenntnis kamen die deutschen Ökonomen Sascha Becker und Ludger Wößmann. Bei ihrer Analyse historischer Daten katholisch und protestantisch geprägter preußischer Landesteile bestätigte sich zunächst Webers Rückschluss: Die Protestanten waren tatsächlich wirtschaftlich erfolgreicher gewesen. Als Erklärung führen die beiden aber weniger die Arbeitsethik als vielmehr den höheren Bildungsstand an. Der wirtschaftliche Erfolg lag demnach eben am Humankapital. Dass in Preußen die Protestanten durchschnittlich höhergebildet waren, lag aber doch wieder an der Religion. Denn mit der Übersetzung der Bibel ins Deutsche förderte Luther auch die Lesegewohnheiten seiner Anhänger. Wirtschaftsfeindlicher Islam oder Demokratiemangel?Unrecht hatte Weber übrigens auch bei seiner Einschätzung des konfuzianischen Glaubens als wenig wirtschaftsfördernd. „Japan und Südkorea sind gesellschaftlich durchaus religiös geprägt und wurden, wie allgemein bekannt, zu Wirtschaftswunderstaaten", meint dazu der Wirtschaftssoziologe Brandl.Besondere Brisanz liegt derzeit freilich im Thema islamische Wirtschaft. Die Tatsache, dass rund 20 Prozent der Weltbevölkerung islamischen Glaubens sind, dabei aber nur rund acht Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukt erwirtschaften, befeuert immer wieder Polemiker, die auf die Wirtschaftsfeindlichkeit muslimisch geprägter Länder hinweisen. Tatsächlich glaubte auch Max Weber an eine fehlende Entwicklungsfähigkeit der islamischen Gesellschaften. Weber definiert dabei den stark fokussierten Glauben an das jenseitige Schicksal und fehlende Leistungsorientierung als Hemmnisse für eine marktwirtschaftliche Entwicklung. Gern wird auch auf das prinzipiell in den meisten Religionen vorhandene, im Islam aber am tiefsten verwurzelte Zinsverbot als besonderes Manko einer Volkswirtschaft hingewiesen. Studien zeigen jedoch klar, dass das im Koran und im Hadith verankerte Zinsverbot aber in der Praxis durchwegs umgangen wird.Auch für den Wirtschaftswissenschaftler Brandl gibt es keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Islam und Wirtschaftswachstum. „Die islamischen Länder entwickeln sich weder signifikant gut noch signifikant schlecht." Eine valide Erklärung für die schlechte wirtschaftliche Performance mancher muslimisch geprägter Länder mag im Zusammenhang mit dem jeweiligen politischen Regime liegen. Dass freie Gesellschaften für eine positive Entwicklung der Wirtschaft förderlich sind, wissen wir seit den Anfängen der Nationalökonomie und der Moralphilosophie eines Adam Smith. Ob fehlende Bildungschancen oder mangelnde demokratische Partizipation: Manchmal verdeckt eben ein starrer Blick auf die Religion die Sicht auf die wahren Gründe.