Verfasst am 22.06.2011 um 15:38, Autor: MB
Q-Check 6.0: Finanzexperten für Börsen-Sommer positiv gestimmt
Spezialisten bewerten Aktien gegenwärtig günstig - Agrana-Chef Marihart spricht über künftige Herausforderungen
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Wien (APA OTS) - Vorsichtiger Börsenoptimismus inmitten der Schuldenkrise in Griechenland herrschte am Dienstagabend bei dem von APA-Finance und "DerBörsianer.com" veranstalteten Expertenforum "Q-Check" zum anstehenden dritten Quartal 2011. Die Themenpalette der Diskutanten reichte dabei von der Entwicklung in den Schwellenländern bis zur Zukunft des Wiener Aktienmarkts. Von Unternehmensseite war mit Agrana-Chef Johann Marihart neben den zahlreichen Börsenspezialisten ein in weltweit 25 Ländern operierendes Unternehmen vertreten.
Einen Überblick über die europäische Wirtschaftsentwicklung gab Peter Pavlicek, Geschäftsführer bei BAWAG P.S.K. Invest. Sieben Quartale in Folge habe sich das Wirtschaftswachstum in der Eurozone nun positiv entwickelt und diese Tendenz dürfte sich dem Experten zufolge fortsetzen. "Vor allem der private Konsum und die Anlageinvestitionen der Unternehmen sind die Motoren für das Wachstum", erklärte Pavlicek. Allerdings könnten steigende Zinsen, eine Abkehr der USA von der expansiven Geldpolitik oder auch die geopolitische Entwicklung im Nahen Osten für eine Eintrübung der Stimmung sorgen.


"Emerging Markets gewinnen wieder an Attraktivität", sagte Mathias Bauer, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Raiffeisen Capital Management. Vor allem die fundamentale Entwicklung in den Schwellenländern sei sehr robust. Die zuletzt durch hohe Nahrungs- und Rohstoffpreise angetriebene Inflation habe bereits ihren Höhepunkt erreicht und die Überhitzungserscheinungen der Volkswirtschaften sei durch die restriktive Geldpolitik gedämpft. "Auch bei der Verschuldungssituation haben die Schwellenländer in den vergangenen 15 Jahren ihre Hausaufgaben gemacht", resümierte Bauer, der vor allem einen Blick auf türkische Aktien empfiehlt.


Einen optimistischen Fokus auf den heimischen Aktienmarkt bot Thomas Neuhold, Chefanalyst für Österreich bei der UniCredit. Trotz der strukturellen Probleme in der Eurozone und einer damit verbundenen Konsolidierung der Wirtschaft sieht der Experte eine positive Gewinndynamik für die österreichischen Unternehmen. Dies dürfte sich auch an der Wiener Börse widerspiegeln, wo der Leitindex ATX in 12 Monaten bei 3.200 Zählern gesehen wird. "Unser Fokus liegt dabei vor allem auf defensiven und spätzyklischen Aktien", so Neuhold.


Das aktuelle Unbehagen vieler Investoren mit Aktien teilt Franz Gschiegl, Vorstand bei der Erste Sparinvest, nicht. "Die Anleger sind aktuell sehr risikoscheu und verharren im Sparbuch, dabei bieten Aktien langfristig deutlich höhere Erträge", erklärte Gschiegl. Denn inflationsbereinigt hätten Aktien seit 1975 eine durchschnittliche jährliche Wertentwicklung von 5,7 Prozent verzeichnet. Besitzer eines Sparbuches hätten ihr Kapital hingegen nicht einmal halten können und einen jährlichen Verlust von 0,3 Prozent nach Inflation eingefahren. "Wer keine Aktien in der Schwächephase hat, besitzt aber auch keine in starken Zeiten", so Gschiegl.


Auch die Zukunft der Wiener Börse war Thema beim jüngsten "Q-Check". Thomas Neuhold verwies auf die neue Wertpapier-KESt sowie die Diskussion um Finanztransaktionssteuern, die dem Wiener Börsenplatz "ein schlechtes Image" einbringen würden. Mathias Bauer kritisierte ebenfalls die Politik, welche "jegliche Anlage in Aktien mit Spekulation gleichsetzen" würde. Einen Ansatzpunkt sah Franz Gschiegl auch in der Schulbildung, wo Wirtschaft und Börse kaum Eingang in die Lehrinhalte fänden. Eine Umfrage, wonach unter Jugendlichen "nur Drogen noch unbeliebter als Aktien" sind, untermauerte sein Argument.


Einen kurzen Einblick in das Agrana-Universum lieferte der Unternehmenschef Johann Marihart. Der Vorstandsvorsitzende des Zucker-, Frucht- und Stärkekonzerns widmete sich vor allem den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen in der Agrarbranche. Die größten Kostenfaktoren der Agrana sind Rohstoffe und Energie, die jüngst eine sehr volatile Entwicklung erfahren haben. Auch für die nahe Zukunft sieht der CEO bei den Agrarrohstoffen keine Entspannung. Die wachsende Weltbevölkerung und der Aufschwung bei Biotreibstoffen führten zu einer steigenden Getreidenachfrage. Zudem sorge ein zunehmender Wohlstand zu einer höheren Fleischnachfrage, wobei die Fleischproduktion wiederum große Mengen an Getreide verschlinge. Die Preise für Agrarrohstoffe sieht Marihart vor diesem Hintergrund gut unterstützt. "Dennoch rechnen wir für 2011 mit einem noch besseren Ergebnis als 2010", so der Unternehmenschef.
 


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