Brasilien bereitet Lkw-Branche Sorgen
MAN SE St

1.500 Arbeiter sollen für fünf Monate lang Qualifizierungsmaßnahmen durchlaufen, wie eine Sprecherin der Daimler AG erklärte. Da der Markt in den vergangenen Jahren gebrummt hatte wie kein zweiter auf der Welt, gab es dazu überhaupt keine Zeit. Sollte der Markt kurzfristig wieder anziehen, könne das Unternehmen flexibel darauf reagieren, sagte die Sprecherin.
In der schweren Branchenkrise 2009 hatte der stetige Aufwärtstrend in Lateinamerika die Nutzfahrzeugbranche vor Schlimmerem bewahrt. Denn der dortige Lkw-Markt wuchs in den vergangenen Jahren im Gleichklang mit der Wirtschaft rasant. Da in dem Land nun aber die Umweltanforderungen deutlich hochgeschraubt werden und künftig die Euro-V-Norm gilt, ist die Nachfrage momentan eher flau.
So sanken beispielsweise der Auftragseingang beim weltgrößten Lkw-Hersteller Daimler in Lateinamerika zwischen Januar und März um rund 3.000 auf etwa 10.000 Stück. Die Verkäufe gaben sogar noch deutlicher um 28 Prozent nach. MAN passte bereits im ersten Jahresviertel im Werk in Resende die Produktionsvolumina deutlich nach unten an - anstatt fast 14.900 wurden nur noch knapp 8.900 Lkw hergestellt. Die Produktion von Bus-Chassis wurde sogar noch stärker auf 690 von etwa 3.100 zurückgefahren.
Die Bedeutung des brasilianischen Marktes ist groß, das zeigt das Beispiel Daimler: In Lateinamerika insgesamt verkauften die Schwaben 2011 knapp 62.000 Lkw und damit deutlich mehr als im Vorjahr. In Brasilien stagnierte der Absatz zwar bei gut 44.000 Verkäufen, damit war das Land aber trotzdem der drittgrößte Einzelmarkt für Daimler.
Trotz der momentanen Schwierigkeiten sagen Branchenexperten dem brasilianischen Markt eine rosige Zukunft voraus. Denn die perspektivisch starke Entwicklung unter anderem in der Agrarindustrie, im Bergbau und in der Bauindustrie lassen den Transportbedarf deutlich steigen - und damit die Lkw-Nachfrage. Zudem sind in dem Land überdurchschnittlich viele alte Nutzfahrzeuge auf den Straßen unterwegs, die irgendwann ersetzt werden müssen. Zusätzliche Impulse verspricht man sich von der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2014 und den Olympischen Sommerspielen 2016.
Entsprechend tief griffen die Lkw-Hersteller zuletzt in die Taschen, um die dortigen Geschäfte nach vorne zu bringen. Marktführer MAN kündigte beispielsweise erst im Herbst an, zwischen 2012 und 2016 mehr als 400 Millionen Euro in Lateinamerika zu investieren. Die Mittel sollen unter anderem in den Ausbau der Produktionskapazitäten sowie in Forschung und Entwicklung fließen.
Daimler erklärte im vergangenen Sommer, in Lateinamerika 1.250 neue Jobs zu schaffen, um mit der boomenden Nachfrage Schritt halten zu können. Bereits 2010 hatten die Stuttgarter bis 2013 Investitionen in Höhe von rund 1,5 Milliarden Euro angekündigt. Damit soll die Produktionskapazität im Werk in São Bernardo do Campo deutlich ausgebaut werden.
An dem Standort werden Lkw, Motoren und Getriebe sowie Achsen produziert. Zudem betreibt Daimler eine Montage in Juiz de Fora. Das ehemalige unterausgelastete Pkw-Werk wurde im vergangenen Jahr in den Lkw-Produktionsverbund integriert. Dort sollen das Lkw-Flaggschiff Actros und der leichtere Accelo vom Band rollen. Mit den Neueinstellungen wird die Daimler-Belegschaft an den brasilianischen Standorten auf insgesamt mehr als 14.500 Mitarbeiter aufgestockt.
Keine wirklichen Erholungszeichen gibt es indes für die Lkw-Branche in Westeuropa: Die deutlichen Rückgänge im Zuge der Schuldenkrise halten an. Im April sanken die Neuzulassungen in den 27 EU-Staaten und den Mitgliedsländern der Europäischen Freihandelszone nach jüngsten Daten des Herstellerverbandes ACEA um rund 11,5 Prozent auf 144.766 Stück. In den ersten vier Monaten des Jahres steht damit ein Rückgang von knapp einem Zehntel zu Buche. Sämtliche großen Märkte schrumpften. Besonders hart traf es die Krisenstaaten Griechenland, Portugal, Spanien und Italien mit Rückgängen von rund einem Viertel bis sogar über die Hälfte.
- Von Nico Schmidt, Dow Jones Newswires;
+49 (0)69 297 25 114; nico.schmidt@dowjones.com; Twitter: @NicoSchmidt5
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