Griechen-Wahl gibt Europa nur eine kurze Atempause
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Bei den Parlamentswahlen am Sonntag erreichte die konservative Partei Nea Dimokratia 30 Prozent und lag damit vor der eurokritischen Linkspartei Syriza, die mit 27 Prozent der Stimmen allerdings auch zulegen konnte. Die Wahlsieger werden nun eine Koalition mit anderen proeuropäischen Parteien ausloten müssen. Antonis Samaras, Parteichef der Nea Dimokratia, könnte dann der neue Premierminister des Landes werden. Er versprach bereits, dass eine von ihm geführte Regierung die internationalen Zusagen erfüllen werde.
Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) äußerte sich erleichtert über den Wahlausgang. Nun müsse schnell eine Regierung gebildet werden. "Investitionen wurden wegen der Angst vor einem Austritt aus der Eurozone zurückgehalten", erklärte DIHK-Außenwirtschafschef Volker Treier. "Nun besteht die Chance, dass die Reformen weitergehen und Griechenland wieder auf einen Wachstumskurs kommt. Allerdings haben die Griechen noch einen langen Weg vor sich."
Deutlich skeptischer ist dagegen der Verband deutscher Maschinen- und Anlagenbau VDMA. Die Frage, wie die Lage nachhaltig stabilisiert werden könne, stelle sich weiterhin und habe auch von ihrer grundsätzlichen Schärfe wenig verloren: Mit den vereinbarten Rettungspakten seien die Europäische Zentralbank, der Internationale Währungsfonds und die anderen Euro-Länder "an die Grenze des Verantwortbaren gegangen", sagte VDMA-Hauptgeschäftsführer Hannes Hesse. "Die Risiken werden in einem erheblichen Umfang dadurch gemeinschaftlich getragen. Eine prinzipielle Neuverhandlung kann daher nicht in Frage kommen".
Zudem sei ein drohender Austritt aus der Währungsunion noch nicht vom Tisch. Wenn Griechenland nicht bereit sei, diese breite solidarische Unterstützung anzunehmen oder auf der vorhandenen Basis nicht wieder auf die Beine komme, müsse nach Regeln gesucht werden, nach denen das Land die Euro-Zone verlassen könne.
Skeptisch bleiben auch einige Investoren. Europa könne zwar durchatmen, doch sei die Atempause vermutlich nur von kurzer Dauer, schätzt Oliver Schlick, Chief Investment Officer bei der Fondsgesellschaft BayernInvest. "Das griechische Wahlergebnis stellt vorerst nur die politische Handlungsfähigkeit in Athen sicher", erklärte er. "Ob und in welchem Umfang die Griechen die Kraft finden, die notwendigen Sparmaßnahmen und Strukturreformen umzusetzen, bleibt angesichts der ebenfalls gestärkten Rolle der radikalen Linken um Alexis Tsipras ungewiss." Die griechische Wirtschaft jedenfalls dürfte noch auf Jahre hinaus am Boden liegen, glaubt Schlick.
Das sieht der Vermögensverwalter LGT Capital Management genauso. "Die Volkswirtschaft befindet sich in einer sehr schweren Rezession, das griechische Finanzsystem hängt bereits seit einiger Zeit auf Gedeih und Verderben am Tropf der Notenbank, und der ineffizienten Verwaltung gelingt es bis dato immer noch nicht, fällige Steuern einzutreiben", hieß es in einer Mitteilung von LGT. "Solange weder diese akuten Herausforderungen glaubwürdig angegangen noch überzeugende Lösungsansätze für die strukturellen Probleme Griechenlands und der Eurozone aufgezeigt werden, wird die Verunsicherung der Konsumenten und Anleger weiterhin hoch bleiben."
Auch die Fondsgesellschaft Union Investment bemängelt die noch mangelhaften Reformfortschritte. Zwar dürften die Märkte mit einer kurzen Erleichterungs-Rallye in die neue Handelswoche starten. Doch die Probleme des Landes seien nicht grundsätzlich gelöst und die Phase der Unsicherheit keineswegs zu Ende. Ähnlich äußert sich auch die Allianz und schlug vor, dem Land kurzfristig mittels einer Wachstumsinitiative - einer Art Marshall-Plan - unter die Arme zu greifen.
Die Industrie hielt sich mit Aussagen zur Griechenland-Wahl merklich zurück. BMW, Volkswagen und Daimler lehnten eine Stellungnahme zum Wahlausgang ab. Der Pharma- und Chemiekonzern Bayer zeigte sich als einziges Unternehmen zuversichtlich. "Das Wahlergebnis eröffnet die Möglichkeit, dass der bisher eingeschlagene Weg weiterverfolgt werden kann", sagte Bayer-Chef Marijn Dekkers. "Wir werden die weitere Entwicklung aufmerksam beobachten und wünschen den Griechen, dass ihnen die notwendigen Reformen gelingen." Das Griechenland-Engagement von Bayer ist allerdings vergleichsweise niedrig, der Anteil am Konzernumsatz liegt bei rund 0,5 Prozent.
Auch der Chemieriese BASF, der Spezialchemiekonzern Lanxess und der Gesundheitskonzern Fresenius sind in Griechenland nur in vergleichsweise geringem Umfang engagiert und wollten die Wahl nicht kommentieren. Fresenius und Lanxess erklärten nur, sie würden die Entwicklung in dem Land weiterhin sehr genau beobachten. Zu einer Änderung der Geschäftspolitik in Griechenland sieht keines der Unternehmen derzeit Anlass.
Wie die Diskussion um die Zukunft Europas in den kommenden Wochen und Monaten verläuft, dürfte indes nicht nur von den Fortschritten in Griechenland abhängen, sondern auch von dem Vertrauen des Marktes in andere Staaten der Eurozone wie Italien, Spanien oder Frankreich.
"Ist das Vertrauen stark genug, werden Negativ-Nachrichten aus Griechenland die Märkte nicht mehr erschüttern können", so BayernInvest-Manager Schlick. "Ist der Glaube an die politische Willenskraft und Schuldentragfähigkeit der Südstaaten jedoch geschwächt, kann eine schlechte Nachrichtenlage in Griechenland zur Ansteckung der Südzone führen."
Kontakt zum Autor: unternehmen.de@dowjones.com
(Madeleine Nissen, Susan Kreutzmann und Heide Oberhauser-Aslan
haben zu dem Artikel beigetragen)
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