MÄRKTE EUROPA/Nach Spanien gerät nun Italien unter Feuer

"Das ist der nächste, der schwach auf der Brust ist", sagt der Leiter des Wertpapierhandels einer Großbank mit Blick auf Italien. "Wir sehen große Verkaufsaufträge Londoner Hedge-Fonds", ergänzte er. Hauptziel des Angriffs ist der italienische Bond-Markt, hier stieg die Rendite der Langläufer auf 6,01 Prozent von 5,74 am Freitagnachmittag. Bei Renditeständen über 6 Prozent waren Irland, Griechenland, Portugal und nun auch Spanien unter den Rettungsschirm gegangen. Am Mailänder Aktienmarkt gerieten vor allem die Finanzwerte unter Druck: Unicredit verloren 8,8 Prozent, Intesa 5,9 Prozent und Generali 2,8 Prozent. Der Index der Banken im Euro-Stoxx, am Morgen noch der große Gewinner unter den Branchen-Indizes, fiel um 2,2 Prozent.
Auf den ersten Blick spricht vieles für einen Erfolg der Hedge-Fonds. "Italien steht teilweise auf dem Niveau eines Entwicklungslands", so das harte Urteil von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Die Unternehmen müssten 70 Prozent der Gewinne als Steuern und Sozialabgaben abführen. Auf einen Stromanschluss müssten sie im Schnitt 192 Tage warten, es sei denn, sie bezahlten Schmiergelder. Nun haftet Italien auch noch für das geplante Hilfsprogramm für die spanischen Banken, was die finanzielle Situation nicht gerade verbessert. Die Verschuldung gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist höher als die Spaniens. Eine Rettung des Landes wäre im Zweifelsfall sicherlich nur mit der geballten Feuerkraft der Europäischen Zentralbank möglich.
Auch Spanien dreht ins Minus
Bis zu 100 Milliarden Euro an Krediten sollen den spanischen Geldinstituten über den dortigen Rettungsfonds FROB zur Verfügung gestellt werden. Die Summe bekommt Spanien aus den Töpfen des ESM oder des EFSF und reicht das Geld an die Banken weiter. Damit müssen die Iberer das Geld nicht teuer über den Kapitalmarkt aufnehmen, sondern zahlen voraussichtlich drei Prozent Zinsen an die Gläubiger. Im gleichen Atemzug erhöht sich allerdings die Verschuldungsquote Spaniens deutlich. Einer Studie der Societe Generale zufolge dürfte die Staatsschuldenquote Spaniens bis 2013 sprunghaft in Richtung 90 Prozent des Bruttoinlandsproduktes steigen.
Justin Knight von der UBS warnt, dass Spanien den Zugang zum Kapitalmarkt irgendwann wahrscheinlich komplett verlieren wird. Nobelpreisträger Josef Stiglitz warnt davor, die Dynamik der Märkte zu unterschätzen. Die Krise sei akut und die einzige Chance sei ein Ja aus Deutschland zu einer europäischen Banken-Union. "Kommt es nicht dazu, wird das System ziemlich schnell auseinanderfallen", so der Wirtschafts-Professor. Die Rendite spanischer Staatsanleihen stieg nach einer kurzen Jubel-Reaktion am Morgen im Tagesverlauf um etwa 50 Basispunkte auf fast 6,50 Prozent. Der Kurs von Bankia legte um 1,8 Prozent zu. Im Eröffnungsgeschäft hatte er allerdings fast 20 Prozent im Plus gelegen.
Luftfahrtgesellschaften leiden unter Prognosen
Stark unter Druck gerieten die Aktien der Luftfahrtgesellschaften. Lufthansa verloren 1,9 Prozent und Air France KLM 3,7 Prozent. Händler verwiesen auf die neue Prognose des Luftfahrtverbands IATA. Der internationale Verband rechnet damit, dass die europäischen Fluggesellschaften im laufenden Jahr 1,1 Milliarden US-Dollar Verlust machen wird, fast doppelt so viel wie die bisherige Schätzung von 600 Millionen Dollar.
Dagegen laufen die Geschäfte beim Gesundheitskonzern Fresenius trotz Staatsschuldenkrise laufen bestens. Wegen "der sehr guten Geschäftsentwicklung" in allen Bereichen hob der DAX-Konzern seinen Ausblick für das Gesamtjahr an. "Das bestätigt zwar die positive Entwicklung, kommt aber nicht ganz unerwartet", sagt Ulrich Huwald, Analyst bei Warburg Research. Die Tochter Kabi profitiere in den USA im Geschäft mit intravenös verabreichten Arzneimitteln gegenwärtig von einer Verknappung des Angebots, was sich nun positiv im Ergebnis niederschlage. Die Aktie legte um 1,3 Prozent auf 77,80 Euro zu.
Europäische Schlussbörsen vom Montag, 11. Juni
. Index Schluss- Entwicklung Entwicklung Entwicklung
. stand absolut in % seit
. Jahresbeginn
Europa Euro-Stoxx-50 2137,70 -6,20 -0,3% -7,7
. Stoxx-50 2283,46 3,15 +0,1% -3,6
. Stoxx-600 241,92 -0,01 -0,0% -1,1
Frankfurt XETRA-DAX 6141,05 10,23 +0,2% 4,1
London FTSE-100 5432,37 -2,71 -0,0% -2,4
Paris CAC-40 3042,76 -8,93 -0,3% -3,7
Amsterdam AEX 291,39 -0,34 -0,1% -6,7
Athen ATHEX-20 180,65 3,07 +1,7% -31,8
Brüssel BEL-20 2097,91 -1,93 -0,1% 0,7
Budapest BUX 16794,83 -224,92 -1,3% -1,1
Helsinki OMXH-25 1846,19 -9,55 -0,5% -4,9
Istanbul NAT30 69339,77 572,09 +0,8% 12,4
Kopenhagen OMXC-20 432,37 5,77 +1,4% 10,9
Lissabon PSI 20 4529,36 -14,54 -0,3% -17,8
Madrid IBEX-35 6552,00 -35,60 -0,5% -23,9
Mailand FTSE-MIB 13070,75 -374,71 -2,8% -13,4
Moskau RTS 1296,98 14,66 +1,1% -6,1
Oslo OBX 354,30 -2,17 -0,6% -0,9
Prag PX 879,50 -6,50 -0,7% -3,5
Stockholm OMXS-30 982,29 6,53 +0,7% -0,6
Warschau WIG-20 2164,70 10,84 +0,5% 0,9
Wien ATX 1901,08 -0,05 -0,0% 0,5
Zürich SMI 5871,35 2,03 +0,0% -1,1
DEVISEN zuletzt '+/- % Mo, 8.55 Uhr Fr, 18.00 Uhr
EUR/USD 1,2499 -1,04% 1,2630 1,2486
EUR/JPY 99,3797 -1,11% 100,4932 99,2538
EUR/CHF 1,2009 -0,04% 1,2014 1,2009
USD/JPY 79,4900 -0,09% 79,5600 79,4850
GBP/USD 1,5506 -0,30% 1,5552 1,5436
-Kontakt zum Autor: herbert.rude@dowjones.com
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