Pseudo-Attacken auf Unternehmen verwirren Investoren
Daimler AG

Beispiel Daimler: Vor kurzem schlug die Meldung, wonach die Deutsche Bank nun theoretisch Zugriffsrecht auf knapp 18 Prozent der Daimler-Aktien hat, hohe Wellen. Es war nicht das erste Mal: Bereits im Februar, als die verschärften Meldevorschriften eingeführt wurden, stolperte der am Autokonzern interessierte Leser über eine lange Liste von Optionen. Diese sicherten einer Investmenttochter des Öl-Emirats Abu Dhabi das Zugriffsrecht auf acht Prozent an Daimler.
Was nach dem Ende der Unabhängigkeit von Daimler klingt, hat in Wahrheit erst mal überhaupt keinen Einfluss auf die Machtverhältnisse im Konzern. Denn die Option zu haben, bedeutet noch lange nicht, sie auch auszuüben. So zeigten weder die Deutsche Bank, noch Abu Dhabi irgendein Interesse, sich im großen Stil bei Daimler einzukaufen. Also viel Lärm um zunächst einmal nichts.
Um diese Meldungen richtig einzuordnen, sind fast detektivische Fähigkeiten nötig: In der Regel sind sie ungefährlich. So werden die Inhaber der häufig gemeldeten Cash-Settled-Optionen nicht in Aktien, sondern nur in Geld ausgeglichen. Unmittelbaren Zugriff auf die Aktien geben sie dem Inhaber nicht.
Durch eine Verkettung verschiedener Finanztransaktionen kann sich das aber ändern. Ein solcher Kettenerwerb liegt vor, wenn Finanzinstrumente den Erwerb anderer Finanzinstrumente ermöglichen, die ihrerseits den Kauf von mit Stimmrechten verbundenen Aktien ermöglichen. Ein aufschiebend bedingter Kaufvertrag auf eine Call-Option wäre so ein Fall.
Genau diese Fälle will die BaFin transparent machen. Doch sie erreicht nur eine Scheintransparenz. Wer wirklich Licht ins Dunkel bringen will, kann dies nur mit extremem Aufwand tun. Um herauszufinden, ob sich jemand an ein Unternehmen anschleicht, müsste der Investor jeden einzelnen gemeldeten Schritt unter die Lupe nehmen und sich überlegen, ob er dem Unternehmen gefährlich werden könnte oder nicht.
Eine Gruppe von potenziellen Verdächtigen kann man getrost von der Liste nehmen: die Banken. Die Geldhäuser treiben zurzeit ganz andere Fragen um, als mögliche heimliche Unternehmensübernahmen. Vielmehr machen sie einfach nur ihren Job: Sie halten die Optionen, um eigene Positionen abzusichern, die sich aus emittierten Wertpapieren wie Zertifikaten auf Aktien oder Aktienindizes ergeben.
Welche Absichten ein Öl-Emirat oder ein anderer Investor hat, lässt sich dagegen - wenn überhaupt - nur durch eine detaillierte Analyse der einzelnen Stimmrechtsmitteilungen aufdecken. Erschwerend kommt der schwerfällige Aufbau der Meldungen hinzu. Wer warum welche Anteile hält - oder eben auch nicht -, lässt sich oft erst nach mehrmaligem Lesen der Pflichtmitteilungen bewerten.
Trotz der klaren Schwächen soll es nach Auskunft der BaFin bei den verschärften Vorschriften bleiben. Die Regulierer sehen keinen Handlungsbedarf. Die betroffenen Unternehmen müssten, wenn sie sich in regulierten Märkten bewegen, auch die Transparenzregeln erfüllen, so die Argumentation.
Bei den Unternehmen, die sich mit ständigen Anfragen herumschlagen müssen, stößt die Vorschrift auf Unverständnis. Aus einem großen Derivatehaus ist die Kritik zu hören, die BaFin habe alles in einen Topf geschmissen - ob Put oder Call, ob physische Lieferung der Aktie oder Barausgleich. Die Finanzaufsicht habe damit deutlich über das Ziel hinausgeschossen.
Immerhin weiß man im Handel die neue Meldewut zu nehmen: Zu einem Schmunzeln führte in den Handelsräumen die Nachricht, Goldman Sachs sei nun quasi Großaktionär bei der Commerzbank - mit 7,42 Prozent der Stimmrechte. Ein Anschleichen der Goldmänner an Deutschlands zweitgrößte Bank vermutete niemand.
Und tatsächlich findet sich die Lösung in der hohen Aktivität von Goldmans Derivateabteilung: Zusammengezählt hat die Investmentbank rund einhundert Serien an Calls, Puts und Swaps auf die Commerzbank. Und nur wenn all diese Optionen - die sich zum Teil auch noch gegenseitig aufheben - gezogen würden, würde Goldman Sachs zum zweitgrößten Commerzbank-Aktionär nach dem deutschen Staat aufsteigen.
-Von Madeleine Nissen und Thomas Leppert, Dow Jones Newswires;
+49 (0)69 29725 110, unternehmen.de@dowjones.com
Empfehlen
Matrix Schnellsuche
| 47,410 EUR | -1,46% |
ANZEIGE








































