ThyssenKrupp stellt Steel Americas zur Disposition
ThyssenKrupp AG

"Wir haben angekündigt, unsere Leistungsfähigkeit nachhaltig zu verbessern und all unsere Geschäftsbereiche regelmäßig strategisch zu überprüfen", sagte Vorstandschef Heinrich Hiesinger. "Das gilt auch für unsere größte Herausforderung Steel Americas."
Dieser Bereich trug dazu bei, dass ThyssenKrupp am Dienstagmorgen einen Verlust für das erste Geschäftshalbjahr 2011/12 vermelden musste, der höher ausfiel als vom Markt erwartet. Ursächlich waren neben dem Amerika-Geschäft auch der enorme Druck auf die Gewinnmargen im europäischen Stahlgeschäft.
ThyssenKrupp müsse bezüglich seiner Verlustbringer etwas unternehmen, sagte Hiesinger. Die Werke in Brasilien und USA hatten in den ersten sechs Monaten des Geschäftsjahres Verluste von rund 500 Millionen Euro angehäuft. Im Geschäftsjahr 2010/11 hatte der Verlust rund 1 Milliarde Euro betragen. Ausserdem müsse der Konzern sicherstellen, seine Investitionsfähigkeit wieder herzustellen.
Die Entscheidung, die Werke in den USA und Brasilien möglicherweise zu verkaufen, markiert eine drastische Wende für Deutschlands größten Stahlhersteller. Ursprünglich war das Unternehmen in die amerikanischen Märkte eingetreten, um von niedrigen Produktionskosten und starken Wachstumsraten zu profitieren.
Der Bau eines Brammenwerks in Brasilien und einer Weiterverarbeitungsanlage im US-Bundesstaat Alabama hatte aber zu hohen Kosten geführt und massive Verluste verursacht, da die Zeit zum Hochlaufen sehr viel Zeit in Anspruch genommen hat. Die Werke arbeiten immer noch nicht mit voller Kapazität. Insgesamt schlugen die Kosten und Verluste mit 12 Milliarden Euro zu Buche, sagte Hiesinger. Steel Americas habe derzeit einen Buchwert von 7 Milliarden Euro, fügte er hinzu.
Die globale Finanzkrise und die unterschiedlichen Wachstumsraten in Brasilien und den USA haben der ursprünglichen Idee einer Konstruktion mit zwei Stahlwerken einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es war nämlich vorgesehen, dass die Brammen zu geringen Kosten in Brasilien produziert werden, um sie in Alabama weiter zu verarbeiten. So sollen die Kunden in Nordamerika mit Premium-Stahlprodukten beliefert werden. Wegen der überlegenen Qualität der Produkte erhoffte sich ThyssenKrupp hohe Preisprämien.
Diese Voraussetzungen sind nun nicht mehr gegeben. "Während sich die Wirtschaft in den USA weitgehend ohne signifikante Dynamik entwickelt, gibt es starkes Wachstum in Brasilien. Das hat entsprechende Auswirkungen auf die Kosten- und Nachfragesituation in beiden Ländern", teilte ThyssenKrupp mit.
"In Brasilien steigen die Produktionskosten überproportional", sagte Hiesinger. Die Gründe dafür sieht er in Lohnkostensteigerungen, Inflationseffekten und vor allem in der Aufwertung der brasilianischen Währung. Das habe dazu geführt, dass die Brammen in den USA ihre Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt haben. Ein weiteres Problem sei der starke Preisanstieg bei Eisenerz und Kokskohle gewesen - zwei zentralen Rohstoffen in der Stahlproduktion.
Die zur Disposition stehenden Werke wird ThyssenKrupp aber nicht von jetzt auf gleich aufgeben. Der Hochlauf soll weiter vorangetrieben werden. Der Konzern spricht von deutlichen Fortschritten, die bereits erzielt wurden. Beide Produktionsstätten sollen zur Weltspitze zählen, was das technologische Know-how und die operativen Kosten angeht.
Auf einen Zeitplan für einen möglichen Verkauf für das Steel-Americas-Geschäft wollte sich Hiesinger nicht festlegen lassen. "Dies wird nicht über Nacht passieren". Auch hätten noch keine Gespräche mit potentiellen Käufern oder Partnern stattgefunden.
Ein Verkauf von Steel Americas würde das ohnehin schon umfassende Verkaufsprogramm der ThyssenKrupp AG deutlich erweitern. Der Konzern trennt sich derzeit von Unternehmensteilen, um sich neu aufzustellen und den Schuldenberg abzutragen. Hier kann das Unternehmen schon einiges an Erfolgen vorweisen. So wurde im Januar der Verkauf der Edelstahlsparte Inoxum an den finnischen Konzern Outokumpu eingefädelt. Am Dienstag verkündete Thyssen den Verkauf der US-Gießereigruppe Waupaca an den New Yorker Finanzinvestor KPS Capital Partners.
Trotz der Probleme im US-Stahlgeschäft hält ThyssenKrupp an seinen Stahl-Aktivitäten in Europa fest. "Wir haben kein Stahlproblem, wir haben nur ein Problem mit Steel Americas", sagte Hiesinger.
-Von Jan Hromadko, Dow Jones Newswires;
+49 (0)69 29725 102, unternehmen.de@dowjones.com
Empfehlen
Matrix Schnellsuche
| 15,640 EUR | +2,76% |
ANZEIGE









































