Dienstag, 21.05.2013 - aktualisiert um 22:24 MEZ
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In der Eurokrise fallen die Staaten wie Dominosteine. Nach Griechenland, Irland und Portugal sind nun Spanien und Zypern an der Reihe. DerBörsianer spricht mit Erika Karitnig, Chief Investment Officer der BAWAG P.S.K INVEST über zukünftige Szenarien der Eurozone und ihre Auswirkungen auf die einzelnen Assetklassen.

DerBörsianer: Frau Karitnig, welche Zukunftsszenarien sehen Sie für die Eurozone?
 
Erika Karitnig: Für mich gibt es drei Szenarien: „Durchwursteln“, das Szenario in dem wir und seit knapp drei Jahren befinden. Es wird aus meiner Sicht solange andauern, bis es von Szenario „Integration“ oder Szenario „Neuro“ abgelöst wird.
 
DerBörsianer: Was sind die Charakteristika des Euro-Szenarios „Durchwursteln“?
 
Erika Karitnig: Wirtschaftlich gesehen haben wir blutleeres Wachstum, teilweise Rezession, mangelnde Investitionen und geringe Nachfrage, daher auch kaum Inflation. Je länger das „Durchwursteln“ dauert, desto höher werden im weiteren Verlauf auch Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung in der Eurozone. Alles in allem ein äußerst unsicheres Umfeld. Politisch ist das „Durchwursteln“ dadurch gekennzeichnet, daß keine nachhaltigen Lösungen zustande kommen. Gehandelt wird nur unter Druck der Kapitalmärkte und auch dann gibt es nur kleine Schritte in Richtung der beiden anderen Szenarien „Integration“ oder „Neuro“.

DerBörsianer: Welchen Einfluss hat dieses Szenario auf Aktien und Währungen?
 
Erika Karitnig: Wir haben sogenannte „politische Börsen“, in denen politische Aussagen, Handlungen, Ankündigungen oder Unterlassungen für ein ständiges Auf und Ab an Risikomärkten sorgen. Aktien bleiben volatil. Eurozone-Aktien sind besonders anfällig und Underperformer, während die USA Top Performer bleiben sollte. Der Euro bleibt schwach und schwächt sich im Verlauf des Szenarios immer weiter ab. Der US Dollar ist und bleibt einzige Reservewährung und zeigt weiter Stärke.
 
DerBörsianer: Wie wirkt es sich auf Anleihen und Creditspreads aus?
 
Erika Karitnig: Die Renditen der Staatsanleihen in den Kernländern bleiben niedrig, Deutschland ist nach wie vor der sichere Hafen für risikoaverse Investoren. Die Renditen der Peripheriestaaten verhalten sich , je nach Nachrichtenlage, sehr volatil und bleiben tendenziell hoch. Corporate- und High Yield Renditespreads steigen bei Unsicherheit an.
 
DerBörsianer: Was sind die Auswirkungen des zweiten Euro-Szenarios „Intergration“?
 
Erika Karitnig: Im Szenario „Integration“ gibt es von politischer Seit ein eindeutiges „JA“ zum Euro und zur Eurozone. Den klaren Worten folgen unmißverständliche Taten: Fiskalunion, Eurobonds, Schuldentilgungsfonds, Bankenunion und ähnliches sind denkbar. Damit einhergehend gibt es effektive Schuldenbremsen in den Euroländern sowie Durchgriffsrechte auf europäischer Ebene. Ebenso sind gemeinschaftliche Wachstumsprojekte mittels Projektbonds oder über die Europäische Investitionsbank zu erwarten.
 
DerBörsianer: Welchen Einfluss hat dieses Szenario auf Aktien und Währungen?
 
Erika Karitnig: „Integration“ ist das freundlichste der drei Szenarien. Es löst eine Rallye an den Risikomärkten aus, weil viel Unsicherheit ausgepreist werden muss und sich die Planbarkeit für Unternehmen als auch für Konsumenten deutlich erhöht. Aktien, insbesondere die geprügelten Werte der Eurozone, stehen dann vor einer Rallye und sollten Top-Performer im internationalen Vergleich sein. Auch der Euro wird an Stärke gewinnen, wenngleich ich hier vorsichtiger bin. Ich denke nicht, dass wir in alte Höhen um 1,60 zum US Dollar zurückkehren. Sparmaßnahmen und demografische Nachteile begrenzen das Potenzial. 
 
DerBörsianer: Wie wirkt es sich auf Anleihen und Creditspreads aus?
 
Erika Karitnig: Die kerneuropäischen Renditen steigen schnell an, da der „sichere Hafen-Effekt“ wegfällt. Aufkommende Inflationsangst beschleunigt den negativen Trend zusätzlich. In den Peripheriestaaten kommt es hingegen zu einer deutlichen Entspannung bei den Renditen. Corporate- und High Yield Spreads sollten stabil/enger sein.
 
DerBörsianer: Was sind die Eigenschaften des dritten Euro-Szenarios „Neuro“?
 
Erika Karitnig: Szenario „Neuro“ ist das unsicherste von allen. Hier kommt es zu keiner gemeinschaftlichen Lösung sondern zum Zerfall der Eurozone und etwas Neues folgt. Die Währung der Kernländer würde massiv gegenüber den Peripherie-Währungen aufwerten, was wohl Banken- und Staatspleiten zur Folge hätte. Aufgrund der enormen Unsicherheit und niedrigen Planbarkeit ist mit einer starken Rezession oder Depression zu rechnen, von der auch die Staaten außerhalb der Eurozone massiv betroffen wären.
 
DerBörsianer: Welchen Einfluss hat dieses Szenario auf Aktien und Währungen?
 
Erika Karitnig: Die Aktienmärkte reagieren mit Verlusten. Die Länderperformance wäre sehr unterschiedlich, weil auch von Währungen und enormen Veränderungen der Wettbewerbsfähigkeit beeinflußt. Outperformer in diesem Szenario sind Ex-Eurozone-Aktien sowie Multinationale Unternehmen. Währungsseitig kommt es innerhalb Europas zu massiven Auf- und Abwertungen, der US Dollar aber bleibt stark und einzige verläßliche Reservewährung. 
 
DerBörsianer: Wie wirkt es sich auf Anleihen und Creditspreads aus?
 
Erika Karitnig: Ich rechne mit einem moderaten Anstieg der Renditen der Kernländer aufgrund der Unsicherheit, erwarte aber weiterhin ein niedriges Renditeniveau, da es kein Wachstum und keine Inflation gibt. Die Renditen der Peripheriestaaten steigen stark an (über 10% für 10jährige) und Credit- und High Yield-Spreads weiten sich aus. Unternehmensanleihen werden je nach Import/Exportanteil unterschiedlich betrachtet.
 
DerBörsianer: Wieviel dieser Szenarien ist bereits in den aktuellen Kursen eingepreist?
 
Erika Karitnig: Am Beispiel europäischer Aktien sieht man, dass einiges an Negativem eingepreist ist: man kann sie zum Buchwert kaufen und das ist im historischen Vergleich sehr, sehr günstig. Die starke Risikoaversion zeigt sich zum Beispiel auch in den Renditen deutscher Staatsanleihen, die zur Zeit extrem teuer erscheinen. Szenario „Neuro“ ist noch nicht eingepreist aber doch eine ordentliche Portion Unsicherheit!
 
DerBörsianer: Was bedeutet das nun für den Anleger, welche Optionen hat er?
 
Erika Karitnig: Anleger die heute schon überzeugt sind zu wissen, welches der beiden Szenarien „Integration“ oder „Neuro“ eintreten wird, können sich eindeutig in die jeweilige Richtung positionieren. Allen anderen ist möglichst breite Diversifikation zu raten und zwar in Assetklassen, Regionen und Währungen. Dieses Prinzip ist heute wichtiger denn je. In den letzten Jahren haben viele Anleger Risiko reduziert oder ganz aus ihrer Veranlagung verbannt. Das erscheint mir heute nicht mehr opportun, insbesondere da es keine risikolose Rendite mehr gibt, sondern nur noch renditeloses Risiko. Ich bin davon überzeugt, dass die Zeit gekommen ist, wo ausbalancierte Portfolios deutlich attraktiver sind.
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Verfasst am 29.06.2012 um 13:02, Autor: DH
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