Voest-Chef Eder - Europas Stahlindustrie muss Produktion verkleinern
Überkapazitäten machen Marktbereinigung nötig, voestalpine für größere Akquisitionen offen - Neuerliche Warnung vor Abwanderung wegen restriktiver Gesetze
voestalpine AG
Die europäische Stahlindustrie braucht aus Sicht
von des Chefs der börsenotierten österreichischen Stahlkonzerns
voestalpine, Wolfgang Eder, eine Marktbereinigung. Derzeit könnten in
den Ländern der Europäischen Union 215 Millionen Tonnen Stahl
produziert werden, sagte Wolfgang Eder, Vorstandschef der
österreichischen Voestalpine, dem deutschen "Handelsblatt"
(Mittwochaugabe). "Die echte Nachfrage liegt aber gerade einmal bei
170 bis 180 Millionen Tonnen."
Bisher habe es nur kleine Schritte gegeben, um den Überhang zu beseitigen. Tata Steel und Arcelor-Mittal legten kleinere Hütten still, bei Überkapazitäten von bis zu 15 Prozent reicht dies jedoch nicht aus. Ernsthaft gehe kaum ein Unternehmen das Thema Überkapazitäten an, sagte Eder. Er ist auch Präsident des europäischen Stahlverbands Eurofer.Europas Stahlkonzerne haben die Krise von 2008 weitgehend überstanden. Allerdings verhindern die Überkapazitäten eine nachhaltige Erholung. Denn steigt die Nachfrage, dann fahren die Konzerne ihre Produktion hoch. Durch das dann entstandene Überangebot kommen die Preise unter Druck. Wegen dieser Schwankungen sind die Margen der Stahlkocher nicht zufriedenstellend.
Dem voest-Chef zufolge würde eine Konsolidierung der Branche helfen. Nach einer Reihe von Fusionen haben sich in den vergangenen 30 Jahren die Schwergewichte Arcelor-Mittal, Thyssen-Krupp und Tata Steel entwickelt. Die voestalpine zählt wie etwa die deutsche Salzgitter zu den Unternehmen aus der zweiten Reihe, heißt es in dem deutschen Zeitungsbericht, die mit einer Fokussierung auf Qualitätsstähle ihr Überleben sichern wollen.
Um sich gegen die Schwankungen am Markt zu wappnen, will die voestalpine ihr Geschäft daher vor allem mit der Fahrzeugindustrie ausbauen. Autokonzerne sind zuverlässige Kunden, die sich langfristig an ihre Lieferanten binden. "Mit der Autobranche sind wir bei einem Umsatzanteil von 35 Prozent angekommen", sagte Eder. Bis zum Ende der Dekade soll der Anteil bis zu 40 Prozent ausmachen.
Zu den Abnehmern zählen BMW, Daimler und auch Volkswagen. Die Voest hat sich in der Branche einen guten Namen als Lieferant von leichten Stählen gemacht. "Damit kann der Konzern im Konzert mit den Schwergewichten Thyssen-Krupp und Arcelor-Mittal mitspielen", werden vom Handelsblatt Branchenkenner zitiert. Weitere wichtige Kunden sind die Branchen Bahn, Energie und Luftfahrt. "Mit den wichtigsten Zukunftsbranchen Mobilität und Energie wollen wir künftig etwa 80 Prozent unseres Umsatzes bestreiten", berichtete Eder.
Die Fokussierung ist Teil der Strategie 2020, die einen Umsatzsprung von 12 Milliarden auf dann 20 Milliarden Euro vorsieht. Um dieses Ziel zu erreichen, schließt Eder auch größere Akquisitionen nicht aus. Man müsse aber abwarten, welche Gelegenheiten sich böten.
Trotz der Schwankungen auf dem europäischen Stahlmarkt, zeigte sich Eder mit der konjunkturellen Entwicklung zufrieden. "In der Euro-Zone sieht es danach aus, dass die große Krise langsam beherrschbar scheint." In Osteuropa sehe er eine Erholung im weiteren Jahresverlauf. Besser laufe es auch in den USA, die vor einem längeren Aufschwung stünden. Vor dem Hintergrund äußerte sich der Voest-Chef zuversichtlich über den weiteren Jahresverlauf. "Bis zum Herbst sind wir in der Stahlproduktion wieder voll ausgelastet", sagte er. Ende vergangenen Jahres hatten sich die Kunden noch mit Bestellungen zurückgehalten, da sie ein Abflauen der Konjunktur befürchteten. Die dadurch entstandene Delle beim Stahlabsatz sieht Eder wieder ausgeglichen. Restlos beseitigt ist die Unsicherheit aber nicht, was mit den Überkapazitäten zusammenhängt. Eine Prognose über den Sommer hinaus wagte Eder daher nicht.
Im Magazin "News" warnt Eder neuerlich vor dem Abzug des Stahlkonzerns aus Österreich und der EU. "Wenn wir durch Umweltgesetze gezwungen sind abzuwandern, würden wir versuchen, wenigstens den nicht umweltkritischen Teil in Linz und Donawitz zu erhalten. Ob das letztlich gelingt ist allerdings offen", so Eder in dem Interview. Als Problem bezeichnet Eder die österreichische und europäische Gesetzgebung, die "uns nicht nur Umweltgesetze, sondern auch Arbeitszeitgesetze, Finanzgesetze und Sozialgesetze vorgibt, deren Belastungen die Konkurrenzfähigkeit trotz einer Spitzenposition immer mehr in Frage stellen". Eder warnt in diesem Zusammenhang vor einer Entindustrialisierung Europas. "Und wenn man keine Industrie hat, braucht man auch keine Transportunternehmen, Ingenieure, Berater, und, und, und. Das Ausbildungsniveau sinkt, strukturelle Arbeitslosigkeit und soziale Spannungen entstehen, der Wohlstand einer Volkswirtschaft sinkt".
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