Freitag, 24.05.2013 - aktualisiert um 07:59 MEZ
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Die schwache Stahlkonjunktur und weitaus höhere Anlaufverluste als erwartet bei den neuen Stahlwerken im US-Bundestaat Alabama und Brasilien haben ThyssenKrupp in der ersten Hälfte des Geschäftsjahres 2011/2012 erneut einen Verlust in Milliardenhöhe beschert. Jetzt aber soll das Schlimmste überstanden sein, meint Konzernchef Heinrich Hiesinger. Anleger sollten jedoch skeptisch bleiben: Ob die Talsohle wirklich schon durchschritten ist, werden erst die nächsten Quartale zeigen.

Die an den Börsen gefeierte Ankündigung Hiesingers, der Konzern prüfe für die verlustbringenden neuen Werke „strategische Optionen in alle Richtungen“, enthält im Grunde wenig Überraschendes. Darüber war schon länger spekuliert wurden. Analysten halten einen Verkauf oder auch eine Partnerschaft für die einzig sinnvolle Möglichkeit, die schon unter Hiesingers Vorgänger Ekkehard Schulz aus dem Ruder gelaufenen Kosten für die knapp 12 Milliarden Euro teuren Werke einzudämmen.

Schulz war es, der die Fehlentscheidung, das Stahlgeschäft groß auszubauen, zu verantworten hat. Der 2011 von Siemens gekommene Hiesinger will den Ballast jetzt so schnell wie möglich loswerden. Was bleibt ihm anderes übrig? Die ursprüngliche Idee, dass das Brammenwerk bei Rio de Janeiro aus günstigen Eisenerzen im Billiglohnland Brasilien Stahlblöcke produzieren sollte, die dann in Alabama für den lukrativen Verkauf in den USA weiterverarbeitet werden, funktioniert einfach nicht.

Das USA-Geschäft lief von Anfang an schwach und in Brasilien stiegen nicht nur die Löhne schnell. Auch die Währung wertete gegenüber dem US-Dollar um ein Viertel auf. Zudem verdoppelten sich die Preise für gekauftes Eisenerz in den vergangenen Jahren. Auch Pannen und Mängeln an einer Kokerei in Rio bekommt man offenbar nicht in den Griff: Eine Klage von Anwohnern wegen Staubemissionen hat inzwischen die Behörden auf den Plan gerufen.

Ergebnis: Zwölf Milliarden Euro wurden in die neuen Werke gesteckt, der aktuelle Buchwert liegt noch bei sieben Milliarden – also wurden fünf Milliarden „verbrannt“. Vermutlich aber deutlich mehr. Werden die Werke verkauft, sind kaum mehr als vier Milliarden Euro zu erzielen.

Doch nicht nur die Stahlwerke in Brasilien und den USA sorgen für permanenten Verdruss bei ThyssenKrupp. Auch die Edelstahlsparte Inoxum, die zum Jahresende an den finnischen Mitbewerber Outokumpu verkauft werden soll, schrieb hohe Verluste.

Und ein Blick auf die Ergebnisentwicklung des Stahlgiganten macht deutlich, dass das Unternehmen noch deutlich mehr Baustellen haben muss: Das EBIT brach im Vergleich zum Vorjahr um 83 Prozent ein auf 76 Millionen Euro. Die EBIT-Marge schrumpfte von 4,1 auf nunmehr 0,7 Prozent.

Man kann es deutlicher sagen: ThyssenKrupp arbeitet kaum mehr profitabel. Unterm Strich blieb ein Verlust von 587 Millionen Euro.

Schlechte finanzielle Verfassung

Die finanzielle Verfassung des DAX-Konzerns ist ohnehin eher negativ zu beurteilen (gerade im Vergleich mit der globalen Konkurrenz, die teilweise über große Cash-Reserven verfügt): So beliefen sich die Netto-Finanzschulden zum 31. Dezember 2011 auf rund 5,9 Milliarden Euro. Im zweiten Quartal kamen noch Schulden in Höhe von 600 Millionen dazu, obwohl der Abbau des gewaltigen Schuldenbergs ganz oben auf der Agenda des Unternehmens stand.

Das bedeutet: ThyssenKrupp steht aktuell mit 6,5 Milliarden Euro in der Kreide.

Da bleibt kaum noch Spielraum für größere Investitionen, die aber unbedingt notwendig sind. Vorangetrieben werden muss beispielsweise der Ausbau der Technologiegeschäfte.

Für das laufende Geschäftsjahr 2011/2012 (per Ende September) geht Konzernchef Hiesinger nun von einem um Sondereffekte bereinigten Ergebnis vor Zinsen und Steuern im mittleren dreistelligen Millionen-Euro-Bereich aus.

Kein Grund zum Schulterklopfen: Im vergangenen Geschäftsjahr hatte ThyssenKrupp noch eine Summe von 1,762 Milliarden Euro operativ eingefahren...



WKN / ISIN:                           750000 / DE000750000
Börsenwert:                          7,7 Mrd. EUR
KGV 12e/13e:                        18 / 7
52 Wochen Hoch / Tief:         36,11 EUR / 14,51 EUR
Akt. Kurs:                              14,95 EUR

MEIN FAZIT:

- Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende: ThyssenKrupp hat sich mit dem Brammenwerk in den brasilianischen Mangroven-Sümpfen und dem Weiterverarbeitungswerk in Alabama verhoben.

- Dies ist keine neue Erkenntnis, aber endlich hat sich auch in der Konzernzentrale durchgesetzt, dass es eine radikale Strategieänderung braucht, um das Unternehmen wieder auf profitablem Kurs zu bringen.

- Glücklicherweise sind die europäischen Standorte etwas besser aufgestellt. Dennoch musste ThyssenKrupp wegen des Preisverfalls auch im europäische Stahlgeschäft empfindliche Rückschläge hinnehmen: Das EBIT sank um 93 Prozent (!) auf 21 Millionen Euro. Vor allem in den von der Schuldenkrise geplagten Ländern Südeuropas läuft das Stahlgeschäft mau - allen voran Italien und Spanien. Auch in Frankreich, wo die Autobauer Peugeot und Renault vom Absatzeinbruch stark betroffen sind, schwächelt die Nachfrage.

- Ein Verkauf auch der europäischen Stahl-Standorte käme dennoch nicht in Betracht: „Thyssen-Krupp ohne Stahl wäre wie ein Wohnzimmer ohne Sofa“, sagt Konzernbetriebsratschef Willi Segerath.

- Mehr punkten als beim Stahl kann der Konzern im Technologiebereich mit dem Aufzuggeschäft, dem Großanlagenbau und der Autozuliefersparte. Das sind die Hoffnungsträger auch für 2012/2013.

- Fortschritte macht der Konzern auch bei seinem Verkaufsprogramm. Insgesamt sind inzwischen für 90 Prozent der geplanten Desinvestitionen Verkaufsverträge unterzeichnet. Hiesinger hatte vor einem Jahr angekündigt, sich von fast einem Viertel des Umsatzvolumens des Konzerns trennen zu wollen, auch um den Schuldenberg zu reduzieren.

- Wohin für ThyssenKrupp die Reise geht, zeigen erst die kommenden Monate. Wer aktuell in deutschen Stahl investieren will, sollte sich besser Deutschlands zweitgrößten Stahlhersteller Salzgitter genauer ansehen. Nach einem miserablen Jahresauftakt sollen sich die Geschäfte im Jahresverlauf deutlich verbessern. Und die Chancen des MDAX-Unternehmens auf Erholung stehen wirklich gut: Für 2012 bekräftigte Salzgitter seine vorsichtige Prognose, wonach der Umsatz mindestens stabil sein soll und das Vorsteuerergebnis positiv.

Viel Erfolg bei Ihrer Geldanlage wünscht Ihnen

Ihr
Armin Brack
Chefredakteur Geldanlage-Report  
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Verfasst am 21.05.2012 um 10:47, Autor: EMFIS

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