1.1. Allgemeine Informationen
Die Charttechnik basiert (ebenso wie die Markttechnik) auf der Erkenntnis, dass sich Ereignisse und Entwicklungen stets wiederholen, weil sie auf Handlungen von Menschen zurückzuführen sind, deren Verhalten sich niemals ändern wird. So ist es möglich, anhand bestimmter Abläufe - mit Blick auf Beispiele aus der Vergangenheit - den weiteren Verlauf von Kursen zu prognostizieren. In diesem Zusammenhang haben die Charttechniker bestimmte Verhaltensweisen entdeckt, die sich in Form von komplexen Kursbewegungen (Formationen) im Chart niederschlagen. Dabei lassen sich Formationen unterscheiden, die einen vorherrschenden Trend bestätigen, andere, die einen ungewissen Ausgang haben, und zuletzt Formationen, die auf eine Umkehr des momentanen Trends hinweisen. Wenngleich nichts an der Börse absolut sicher ist, haben diese Formationen doch eine sehr hohe Trefferquote.
1.2. Trendbestätigende Formationen
Trendbestätigende Formationen (oft auch "Konsolidierungsformationen" genannt) zeigen an, wie der Name bereits suggeriert, dass nach deren Vollendung eine Fortführung der Trendbewegung zu erwarten ist. Sie treten oft nach sehr schnellen, heftigen Kursbewegungen auf. Ihnen allen gemein ist die wichtige Voraussetzung, dass die Umsätze während der Formation stetig zurückgehen müssen, beim Ausbruch aber sprunghaft ansteigen. Ist dies nicht gegeben, ist einige Skepsis angebracht, ob es sich bei der beobachteten Bewegung wirklich um eine trendbestätigende Formation handelt.
1.3. Flaggen
Flaggen sind kurze, dem Trend entgegen laufende Korrekturbewegungen. Sie lassen sich am besten als "Minitrendkanal" bezeichnen. In dieser Phase nehmen einige Investoren nach einem sprunghaften An- oder Abstieg Gewinne mit, was zu einer kurzzeitigen Unterbrechung der Trendbewegung führt. Die dabei entstehenden Fluktuationen der Kurse haben das gleiche Ausmaß, so dass die Formation wie ein an- oder absteigendes Rechteck aussieht. Eine Flagge hat eine maximale Dauer von vier Wochen. Ist dieser Zeitrahmen überschritten, ist es zweifelhaft, ob es sich tatsächlich um eine Flagge handelt. Die Formation gilt als vollendet, wenn der Kurs über die obere Trendlinie der Flagge steigt. Flaggen gehören zu den Formationen mit der höchsten Zuverlässigkeit.
1.4. Wimpeln
Wimpel treten ebenso wie Flaggen nach starken Kursbewegungen auf. Man findet sie - ebenso wie alle anderen Formationen - in Auf- wie Abwärtsbewegungen gleichermaßen. Bei Wimpeln nehmen die Fluktuationen des Kurses während dieser Konsolidierungsformation stetig ab, so dass aus den über die oberen und unteren Wendepunkte zu zeichnenden Trendlinien ein kleines - meist unregelmäßiges - Dreieck entsteht. In Aufwärtstrends zeigt der Wimpel meist eher nach unten, in Abwärtstrends nach oben.
1.5. Keile
Keile zeichnen sich ebenso wie Wimpel durch eine zügig abnehmende Fluktuation der Kurse aus, sind aber deutlich stärker gegen den Trend gerichtet. Dabei gilt: Je stärker die vorangegangene Trendbewegung war, desto kräftiger geneigt ist auch der Keil. In Aufwärtstrends haben Keile eine nach unten gerichtete Spitze. Die obere Trendlinie muss dabei deutlich stärker geneigt sein als die untere Begrenzung. Auch hier nehmen Anleger kurzzeitige Gewinne mit, doch diesen (in einem Aufwärtstrend) massiven Verkäufen steht sich langsam formierender Widerstand durch Käufe gegenüber, weswegen die Tiefpunkte der Formation immer weniger stark fallen als die Tops. In Abwärtstrends zeigt der Keil im Gegenzug klar nach oben. Dauer: Zwei bis vier Wochen.
1.6. An oder absteigende Dreiecke
Eine weitere Formation, die in den meisten Fällen ein zeitweiliges Verharren darstellt, nach Vollendung aber zu einer Fortsetzung des Trends führt, sind ansteigende oder absteigende Dreiecke. Die Erscheinungsform erklärt sich folgendermaßen: Innerhalb eines Trends prallt die Bewegung auf eine Unterstützung, an der wieder Käufe einsetzen. Diese Käufe verhindern über einen längeren Zeitraum hinweg, dass sich die Abwärtsbewegung der Bonds fortsetzt. Doch die Aufwärtsbewegungen werden nach jedem Abprallen an der Unterstützung schwächer. Man kann daher eine horizontale Linie an der Unterstützungszone einzeichnen, während über die fallenden Tops dieser Phase eine Abwärtstrendlinie markiert wird. So entsteht das Bild eines in Trendrichtung fallenden bzw. steigenden Dreiecks.
Die immer wieder getestete Unterstützung bzw. die dort auftretenden Käufe können dem Druck der Verkäufer (durch die fallenden Tops klar erkenntlich) nach einer gewissen Zeit nicht mehr standhalten, die Trendbewegung setzt sich meist mit einem sehr kräftigen Kursschub fort.
1.7. Gleichschenklige Dreiecke
Die Unentschlossenheit der Marktteilnehmer manifestiert sich ganz besonders in einem gleichschenkligen Dreieck.
Im Anschluss an eine starke Trendbewegung beginnt plötzlich eine Phase starker Kursschwankungen. Haussiers und Baissiers kämpfen also sichtbar um die Vorherrschaft. Doch nachdem sich keine klare Richtung durchsetzen kann, ziehen sich mehr und mehr Akteure vom Geschehen zurück. Die Kursausschläge werden geringer, gleichzeitig pflegen die Umsätze zu sinken. Aus diesen rückläufigen Kursfluktuationen heraus etablieren sich gleichzeitig eine Auf- und eine Abwärtstrendlinie, deren Steigungswinkel in etwa gleich sein müssen. Ansonsten würde eine Seite der Marktteilnehmer überwiegen, es würde sich um ein an- oder absteigendes Dreieck handeln. Je näher sich die Kurse der Spitze dieses Dreiecks nähern, desto zwingender wird die Notwendigkeit einer Entscheidung. Irgendwann wird entweder die Käufer- oder Verkäuferseite siegen. Dann wird die Trendbewegung fortgesetzt, oder es kommt zu einer Trendumkehr. Diese Formationen haben eine zeitliche Ausdehnung von sechs Wochen bis zu maximal einem Jahr. Wichtig: Die Wahrscheinlichkeit, dass der vorher beherrschende Trend fortgesetzt wird, ist nicht größer als die einer Trendwende!
1.8. Untertassen
Untertassen werden Ihnen wohl nur noch relativ selten begegnen. Denn eine Voraussetzung für das Auftreten derartiger Formationen sind eine dünne Umsatztätigkeit und geringe Kursfluktuationen.
Nach einem längeren Abstieg verlieren die Verkäufe zusehend an Intensität. Der Abschwungwinkel nimmt, wie im Chart gut erkennbar, immer mehr ab. Nach geraumer Zeit finden gar keine Verkäufe mehr statt (meistens genau der untere Punkt der Untertasse) - die Umsätze gehen bis nahezu auf Null zurück. Ganz sachte setzten hier erste Käufe ein, die zunächst aber noch abgewiesen werden. Damit läßt sich der obere Rand der Untertasse durch eine Widerstandslinie kennzeichnen. Echte Dynamik kommt erst dann wieder in die Aktie, wenn diese Widerstandslinie überschritten wird. In diesem Moment ist die Formation vollendet und es gilt ein nachhaltiges Kaufsignal mit günstigen Gewinnchancen. Dauer einer Untertasse: Mindestens sechs Monate, bisweilen aber sogar einige Jahre. Trotz der Bezeichnung "Untertasse" gelten diese Kriterien natürlich gleichermaßen für die allmähliche Herausbildung einer oberen Wendeformation, die auch als "umgekehrte Untertasse" bezeichnet wird.
1.9. Doppeltiefs/Doppelhochs
Weitaus öfter als Untertassen begegnen dem Anleger Doppeltiefs und Doppelhochs. Sie werden aufgrund ihrer ins Auge fallenden Form auch als W- oder M-Formationen bezeichnet..
Nach einem scharfen Kursrückgang ziehen die Notierungen "aus heiterem Himmel" wieder scharf an. Doch diese Gegenreaktion wird ebenso plötzlich wieder gebremst, die Abwärtsbewegung wird mit alter Intensität wieder aufgenommen. Aber anstatt das vormalige Tief zu unterbieten, treten auf dem Niveau des ersten Tiefs nun mehr Käufer als Verkäufer auf den Plan. Die Notierungen steigen erneut. Jetzt kann parallel zu dem zwischen den beiden auf nahezu gleicher Höhe liegenden Tiefpunkten, ausgehend vom letzen Zwischenhoch, eine Widerstandslinie eingezeichnet werden, die die "Nackenlinie" dieser Formation darstellt. Wenn bei dieser zweiten Aufwärtsbewegung die Nackenlinie überwunden werden kann, ist die Formation vollendet.
Doppelhochs/-tiefs können außerordentlich unterschiedliche Dauer und Ausmaße aufweisen, von wenigen Wochen bis zu mehreren Monaten. Als Faustregel gilt: Je größer die Kursbewegung innerhalb der Formation und je länger diese dauert, desto nachhaltiger sind die Auswirkungen auf die folgenden Kursbewegungen.
1.10. Schulter-Kopf-Schulter-Formationen
Weniger häufig als Doppelhochs/-tiefs trifft man in Charts Schulter-Kopf-Schulter-Formationen (engl. Head&Shoulder) an. Doch dafür sind sie von hoher Zuverlässigkeit und nachhaltiger Bedeutung. Sehr viele langfristige Trends werden durch Schulter-Kopf-Schulter-Formationen beendet bzw. eingeleitet. Diese Formationen können auch "auf dem Kopf stehen". Dann werden sie als "umgekehrte" Schulter-Kopf-Schulter-Formation bezeichnet. Eine Schulter-Kopf-Schulter-Formation besteht aus mehreren - zumindest aber drei - Kurstiefs oder Kurshochs.
Dies ist eines der ausschlaggebendsten Kriterien für eine Kopf-Schulter-Formation: Zwei (oder mehrere) Hochs oder Tiefs auf gleichem Niveau (Schultern), die ein oder manchmal sogar zwei höhere Hochs oder tiefere Tiefs (Kopf/Köpfe) einrahmen. Auch hier, wie bei den Doppeltiefs/-hochs ist eine Nackenlinie zu zeichnen, bei deren Überwinden diese Formation vollendet ist.
1.11. Fazit der Chartformationen
Sie haben gesehen, welch immense Möglichkeiten sich Ihnen alleine durch das Betrachten und Analysieren von Kursverläufen bietet. Denn durch das Hinzufügen der charttechnischen Analyse zum fundamentalen Ansatz können Sie nicht nur über das "Ob" und das "Was" fundierte Entscheidungen treffen, sondern oft auch den optimalen Einstiegszeitpunkt finden. Aber eines sollten Sie dabei immer bedenken: Die technische Analyse ist keine exakte Wissenschaft. Die Chartformationen erscheinen nicht immer so genau wie im Lehrbuch, Trendlinien können manchmal für nur wenige Tage oder Stunden durchbrochen werden, Trendwenden können ohne vorherige Umkehrformationen auftreten. Woran liegt das?
Die Kurse bestehen nicht aus sich selbst. Sie sind ausschließlich das Abbild der Handlungen derer, die an der Börse agieren. Und diese Aktionen werden eben nicht durch Lehrbücher, sondern die Emotionen Angst, Gier und Hoffnung bestimmt. Hinzu kommt, dass unvorhersehbare Ereignisse so nachhaltige Wirkung auf die Notierungen haben können, dass ein mittelfristiger Trend an nur einem einzigen Tag bereits Vergangenheit sein kann. Daher dürfen Sie Ihre Aufmerksamkeit niemals schleifen lassen. Auch wenn Sie nach Erkennen einer Umkehrformation Ihre Maßnahmen treffen und glauben, sich entspannt um andere Dinge kümmern zu können - tun Sie dies nicht! Nachhaltiger Börsenerfolg verlangt Engagement!







































