1.1. Allgemeine Informationen
Als Konjunktur bezeichnet man die Gesamtsituation einer Volkswirtschaft. Sie leitet sich aus der gleichzeitigen Betrachtung verschiedener volkswirtschaftlicher Größen ab. Der wichtigste Indikator ist das BIP (Bruttoinlandsprodukt).
Sie ist dabei durch Konjunkturzyklen, mehrjährige Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivität in marktwirtschaftlich organisierten Volkswirtschaften, gekennzeichnet. Diese Zyklen betreffen die Wirtschaft als Ganzes und weisen eine Regelmäßigkeit auf. Konjunkturzyklen bestehen im Regelfall aus Aufschwungphasen (Expansion), der Hochkonjunktur (Boom), Abschwungphasen (Rezession) und den Tiefphasen (Depression). Tiefphasen können Normaltiefphasen (positives Wirtschaftswachstum), Stagnationen (kein Wirtschaftswachstum), Rezessionen (gering negatives Wirtschaftswachstum) oder Depressionen (stark negatives Wirtschaftswachstum) darstellen. Während das Wirtschaftswachstum hauptsächlich auf Angebotseffekte zurückzuführen ist, sind konjunkturelle Schwankungen stets nachfragebedingt.
Solche Schwankungen werden schon seit langem beobachtet, waren aber oft Folge singulärer Ereignisse wie z. B. Spekulationskrisen. Eine gewisse Regelmäßigkeit dieser Schwankungen lässt sich zumindest bis ins 19. Jahrhundert hinein belegen. Diese Regelmäßigkeit ist es, die letztlich eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen Konjunktur begründet.
1.2. Der Konjunkturzyklus
Die Länge, die man einem Konjunkturzyklus zuschreibt, hängt wesentlich davon ab, ob man das Niveau der wirtschaftlichen Aktivität (in der Regel gemessen an der gesamtwirtschaftlichen Produktion, also dem Bruttoinlandsprodukt) als Maßstab heranzieht, oder die Wachstumsraten. Grenzt man Anfang und Ende eines Konjunkturzyklus danach ab, ob die Wirtschaftsleistung absolut rückläufig war („Klassische Konjunkturzyklen“), so findet man längere Zyklen. Eine Einteilung anhand von Zuwachsraten führt zu einer größeren Zahl von kürzeren „Wachstumszyklen“. Alternativ kann man Konjunkturen auch daran messen, wie stark die Produktionskapazitäten der Unternehmen ausgelastet sind. Hier sind Schwankungen zwischen etwa 70 Prozent (Rezession) und 100 Prozent (Boom) denkbar. Entsprechend lautet die betriebswirtschaftliche Definition der Konjunktur nach gängiger Lehrmeinung: Schwankungen im Auslastungsgrad des Produktionspotentials einer Volkswirtschaft. Hier wird sowohl ein Makrozyklus von mehreren Jahren bis zu Jahrzehnten Dauer beschrieben als auch beinhaltete Microzyklen von wenigen Jahren, nicht jedoch unterjährige Saisonszyklen.
1.3. Schematisch dargestellter Konjunkturzyklus
Das Wissen um diese stetige Fluktuation bietet dem Anleger eine langfristige Orientierung, denn die Börsen sind - wenngleich nicht sklavisch und mit Zeitverzögerungen - an die Konjunktur gekoppelt. Es gibt ganz einfach Zeiten, in denen die Aktien- oder Rentenkurse per saldo steigen, und ebenso Phasen, in denen sie - zumindest mittelfristig betrachtet - fallen. Und eben diese Richtung der "großen Trends" ist direkt vom Verlauf der Konjunktur abhängig. Die Konjunktur bewegt sich in Zyklen, deren vier Zyklenbereiche zwar immer in der selben Reihenfolge auftreten, deren Dauer jedoch sehr unterschiedlich sein kann.
> Der Aufschwung – Expansive Phase
Bei allgemein steigender Wirtschaftsleistung steigt die Nachfrage nach Gütern aller Art - auch nach Dienstleistungen. Dies geschieht, da immer mehr Personen in Arbeit stehen. Dadurch verfügen mehr Leute über mehr Kapital, um zu konsumieren. Aufgrund des anziehenden Konsums erhöht sich wiederum die Produktion, weitere Personen werden als Arbeitskräfte benötigt, um die erhöhte Nachfrage durch höhere Produktion zu stillen. Auch diese neu Eingestellten verfügen ab sofort über mehr Geld, um damit mehr auszugeben. Die Wirtschaftsleistung wächst immer weiter.
Da es sich hier, wie Sie erkennen, bei einem Aufschwung um einen Kreislauf handelt, fragt man sich unversehens, wo das Problem liegt. Nun, es ist wie so oft im Leben. Irgendein Sandkorn landet immer im Getriebe! Doch zunächst funktioniert diese Wachstumsschraube. Ab einem bestimmten Zeitpunkt, zumeist dann, wenn kaum noch weitere Arbeitskräfte zu bekommen sind (theoretische Vollbeschäftigung) oder die Produktion aufgrund technischer Grenzen nicht so schnell weiter gesteigert werden kann wie die Nachfrage weiter anzieht, beginnen die Probleme.
> Hochkonjunktur – Boom Phase
In der Phase der Hochkonjunktur (obere Wendepunktphase, Boom) sind aufgrund von starker Nachfrage die Kapazitäten einer Wirtschaft voll ausgelastet. Es herrscht Vollbeschäftigung, zum Teil sogar Arbeitskräftemangel. Das Lohnniveau steigt, allerdings ziehen auch die Preise und die Zinsen weiter an. Die Produktion wird solange gesteigert, bis eine Überhitzung des Marktes eintritt - wenn also steigende Zinsen aufgrund erhöhter Kreditnachfrage und vermehrte Fehlinvestitionen aufgrund übermäßig optimistischer Erwartungen immer mehr Unternehmen Probleme bereiten. Man spricht auch von Marktsättigung. Merkmale eines gesättigten Marktes:
> Marktvolumen steigt nur noch in geringem Umfang
> Teilmärkte werden von Stagnation oder Schrumpfung erfasst
> Preisverfall
> weniger produktive und viele kleine Unternehmen scheiden aus dem Markt aus
> Unternehmensübernahmen verstärken Konzentrations- und Konsolidierungsprozesse
> polypolistische Marktstrukturen werden durch oligopolistische Strukturen ersetzt
> Rezession – Abschwungs Phase
Die Rezession bezeichnet die Konjunkturphase, in der eine Stagnation bis hin zum Abschwung der Wirtschaft auftritt. Die am meisten verbreitete Definition besagt, dass eine Rezession vorliegt, wenn die Wirtschaft drei Quartale nacheinander nicht wächst, bzw. ein Rückgang zu verzeichnen ist (sinkendes Bruttoinlandsprodukt), allerdings verglichen mit dem jeweiligen Quartal des Vorjahres (nicht im Vergleich zum Quartal direkt vor dem betrachteten!). Eine Rezession hat üblicherweise Kursverluste an der Börse zur Folge. Verschärft sich eine Rezession bzw. kommt es zu einer längeren kontraktiven Phase, spricht man von Depression.
> Konjunkturtief - Depression
Ein Konjunkturtief ist der Tiefstand nach dem Abschwung einer Volkswirtschaft. Verstärkt wird sie durch Strukturkrisen, in denen über einen längeren Zeitraum die wirtschaftliche Tätigkeit (wie es etwa das Bruttoinlandsprodukt anzeigt) zurückgeht, die Börsenkurse fallen, die Arbeitslosigkeit stark ansteigt und Deflation aufkommt, d. h. das Preisniveau sinkt, Güter werden billiger.
Die ebenfalls häufig verwendete Bezeichnung Depression meint im eigentlichen Sinne nicht ein Konjunkturtief, sondern eine negative Wachstumsrate, also ein sinkendes, absolutes Bruttoinlandprodukt. Häufig wird der Begriff "Depression" mit der Weltwirtschaftskrise am Ende der 1920er Jahre in Zusammenhang gebracht, wo er erstmals genannt wurde. Diese Depression war geprägt von einer Massenarbeitslosigkeit bisher unbekannten Ausmaßes. Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise war der Zusammenbruch der Börsen am so genannten schwarzen Freitag.
Den Befürwortern psychologischer Gründe für Wirtschaftskrisen zufolge liegt der Hauptgrund für eine Depression in einem Vertrauenszusammenbruch der Bevölkerung in das Wirtschaftssystem. Angst vor Jobverlust führt ihnen zufolge zu verminderten Ausgaben, die wiederum zu vermehrten Entlassungen führen. Andere machen wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen verantwortlich (im Fall der Weltwirtschaftskrise z. B. übermäßiger Protektionismus und mangelnde Maßnahmen um Einflüsse von Kursverlusten auf wichtige Märkte zu reduzieren) oder andere Faktoren - exogene Einflüsse, Herdentrieb bei Investitionen, usw.
1.4. Auswirkungen des Konjunkturzyklus auf die Börse
Zunächst wollen wir aber die einzelnen Phasen des Zyklus in Relation zu den "großen Trends" der Börse setzen. Es liegt ja eigentlich auf der Hand:
In Zeiten eines Aufschwungs oder gar Booms steigen die Gewinne der Unternehmen. Da damit in der Regel auch die Dividenden erhöht werden, der Buchwert der Unternehmen steigt und die Zukunftsaussichten glänzend erscheinen, steigen die Kurse der Aktien.
Im Gegenzug gehen die Notierungen in den Keller, wenn ein Abschwung beginnt. Die Gewinne und zeitgleich die Dividenden und Zukunftsaussichten trüben sich ein. Daher fallen die Kurse ebenfalls. Sobald eine Rezession dann tatsächlich beginnt, beschleunigt sich dieser Abstieg sogar noch. Doch ganz so leicht macht es die Börse dem Anleger nun doch nicht. Die kräftigsten Kursstürze finden dann statt, wenn von einem Abschwung noch gar nichts zu sehen ist.
1.5. Die Gründe
> Die Feinsteuerung des Konjunkturverlaufes, dem Anleger über die im folgenden beschriebenen volkswirtschaftlichen Indikatoren ersichtlich, beginnt schon weit bevor ein Übergang von einer Konjunkturphase in die nächste stattfindet. Die Finanzministerien und Notenbanken verfügen früher über detailliertere Informationen und Sachkenntnisse als der private Anleger, und reagieren daher oft schon mit bremsenden oder stimulierenden Maßnahmen, wenn sich nur eine mögliche Gefahr abzeichnet. Derartige Maßnahmen überraschen den Markt zumeist, so dass eine kräftige Kursreaktion nach oben oder unten die Folge ist. Damit zeigt sich ganz klar: Die Börsen antizipieren kommende Entwicklungen. Sie reagieren also bereits im Vorfeld auf Ereignisse, die warscheinlich in den nächsten Monaten stattfinden werden.
> Dazu kommt das Bestreben der Marktteilnehmer, eine Entwicklung vor den anderen zu erkennen, um bereits richtig positioniert zu sein, wenn die großen Kursbewegungen beginnen. Dass dabei bisweilen zu früh losgeprescht wird, ist klar. Da sich derartige "heimliche" Positionswechsel nicht bei allen Akteuren gleichzeitig abspielen, die Zahl derer, die "so eine Ahnung" haben aber sukzessive steigt, beginnen die Kurse bereits nach und nach zu steigen, obwohl die Rezession noch gar nicht überwunden ist. Die Erfahrung lehrt: Die Börse pflegt zu erwartende konjunkturelle Entwicklungen allgemein sechs bis zwölf Monate im voraus zu eskomptieren.







































