Samstag, 18.05.2013 - aktualisiert um 14:32 MEZ

1.1. Allgemeine Informationen

 

Volkswirtschaftliche Indikatioren sind jedermann geläufig - ihre hohe Relevanz für die persönlichen Anlageentscheidungen zumeist aber nicht. Denn diese Indikatoren sind es, die - über den ganz groben Rahmen der konjunkturellen Zyklen hinaus - das entweder positive oder negative Umfeld für die Börsen generieren. Die wichtigsten Größen, an denen Sie abwägen können, ob ein Investment zu diesem Zeitpunkt grundsätzlich Sinn macht oder nicht, stellen wir Ihnen hier vor.

 

 

1.2. Konjunkturprogramme

 

Wie kommt die Konjunktur nach einer Rezession wieder richtig in Fahrt? Neben den "gesundgeschrumpften" Unternehmen sind zumeist zusätzliche Stimulanzien erforderlich, bis die gesamte Wirtschaft wieder ein Wachstum vorweisen kann. Die oft verleugneten, aber in aller Regel dennoch vorhandenen Konjunkturprogramme sind es, die diese positiven Effekte auf die Volkswirtschaft ausüben sollen. Die öffentliche Hand vergibt in diesen Phasen - also gegen Ende einer Rezession - verstärkt Aufträge an die Privatwirtschaft, zum Beispiel im Wohnungs- oder Straßenbau und dem Verteidigungssektor, um deren Produktion anzukurbeln und die Arbeitslosigkeit zu verringern. Bleiben diese Fördermaßnahmen aber aus, entsteht eine Situation wie in 1996: Bedingt durch die Wiedervereinigung und die scharfen Kriterien für die nahende Währungsunion vermochte der Bund aufgrund leerer Kassen keine Hilfestellung zu geben. Das Ergebnis: Trotz "rechnerischem" Aufschwung bleibt die Konjunktur schwach, immer noch gehen Unternehmen in Konkurs, die Zahl der Arbeitslosen nimmt sogar zu, anstatt sich zu verringern.

 

 

1.3. Konsequenz für den Anleger

 

Für ein Investment eignen sich nur Unternehmen, die von solchen Hilfestellungen unabhängig sind, und die Abschwung- und Rezessionsphase erfolgreich meistern konnten - sofern Konjunkturprogramme ausbleiben. Dennoch bleibt Vorsicht angeraten. Eine genaue Beobachtung ist dahingehend erforderlich, ob sich nicht den Aufschwung bedrohende Faktoren etablieren. Ansonsten aber wählt man bevorzugt Aktien aus den Bereichen Stahl, Wehrtechnik oder insbesondere der Baubranche, da diese ganz zu Beginn eines Aufschwungs von derartigen Konjunkturprogrammen profitieren können.

 

 

1.4. Zinspolitik

 

Das vorrangige Ziel des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB) gemäß Artikel 2 der Satzung des Europäischen Systems der Zentralbanken und der Europäischen Zentralbank (ESZB-Satzung) ist es, die Preisstabilität zu gewährleisten. Soweit dies ohne Beeinträchtigung des Zieles der Preisstabilität möglich ist, unterstützt das ESZB die allgemeine Wirtschaftspolitik in der Gemeinschaft, um zur Verwirklichung der Ziele der Gemeinschaft beizutragen.

 

Die Beeinflussung der Konjunktur, ob durch bremsende oder stimulierende Maßnahmen, gehört dagegen nicht zu ihren Aufgaben - zumindest nicht direkt. Denn wie Sie bereits in der Beschreibung des Konjunkturzyklus gesehen haben, ist die Inflation eng mit den einzelnen Phasen verknüpft. Kaum kommt der Aufschwung richtig in Fahrt, pflegen die Preise zu steigen, also die Inflation anzuziehen. Verringert sich aber die Wirtschaftsleistung im Zuge eines Abschwunges, so schwächt sich die Inflationsrate zusehends ab, da die Unternehmen die Preise senken müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Und in diesem Zusammenhang spielt die EZB eine durchaus entscheidende Rolle. Das wichtigste Instrument der EZB zur Inflationsbekämpfung ist die Zinspolitik. Das Niveau der am Markt gebotenen und verlangten Zinsen ist (über mehrere Etappen, die für uns hier nicht von Bedeutung sind) von den Leitzinsen abhängig. Ober- und Untergrenze für die Schwankungen des Geldmarktzinses stellen die Spitzenrefinanzierungsfazilität sowie die Einlagenfazilität dar. Der wichtigste Leitzins ist der Zins für die von den nationalen Zentralbanken im Rahmen von Standardtendern durchgeführten Hauptrefinanzierungsgeschäfte.

 

> Folgendes Szenario

 

Die Konjunktur befindet sich in einer Boomphase. Die Preise steigen aufgrund des kräftigen Konsums kräftig an. Damit droht eine weiter steigende Inflation, die über kurz oder lang zu einem erheblichen Rückgang der Kaufkraft führen wird und damit einem Abschwung verursacht. Ursache: Die Konjunktur steigt einfach zu kräftig und zu schnell. Um Schlimmeres zu verhindern, müßte man irgendwie bremsend wirken. Doch wie soll dies in einer freien Marktwirtschaft geschehen? Die Unternehmen werden ihre Kapazitäten so lange weiter erhöhen (und die Preise selbstverständlich auch), wie daraus steigende Profite zu erwarten sind.

 

> Die Lösung

 

Die Erhöhung der Leitzinsen - Diese Zinserhöhung mündet direkt in ebenfalls höhere Kapitalmarktzinsen. Wer also Kredit haben will, muss dafür einen höheren Zins als zuvor bezahlen, wer Kredite vergibt, verdient daran vice versa besser als vorher. Wenn die EZB den Zins zügig und konsequent erhöht, wird der Aufschwung damit gebremst. Da die Absätze aufgrund der gestiegenen Preise ohnehin nicht mehr allzu rasant steigen, werden sich mehr und mehr Unternehmen vor folgende Alternativen gestellt sehen: Entweder sie investieren weiter - mit der Ungewißheit, ob die Expansion auch von steigenden Umsätzen gefolgt wird, sich also lohnt, und bezahlen für die dafür erforderlichen Kredite immer höhere Zinsen oder die Investitionen werden zurückgeschraubt, und überschüssiges Kapital sowie auflaufende Gewinne werden zu den immer weiter steigenden Zinsen gewinnbringend und risikolos angelegt. Je höher die Zinsen steigen, desto attraktiver wird die zweite Alternative - und der Anstieg der Wirtschaftsleistung verringert sich dadurch nach und nach. Gleichzeitig wird auch die Inflation gebremst, denn durch die Abschwächung der Expansion in den Betrieben werden keine weiteren Arbeitnehmer mehr eingestellt, die Leute beginnen um ihre Arbeitsplätze zu fürchten und sparen mehr. Außerdem können höhere Preise nicht mehr so leicht durchgesetzt werden, da auch die privaten Kredite teurer werden, und sich dadurch der Drang der Bevölkerung verringert, auf Kredit zu kaufen. Sobald die Inflation wieder ein für die Bundesbank angemessenes Niveau erreicht hat, können die Zinserhöhungen beendet werden.

 

> Problem

 

Diese Zinssteuerung muss sehr feinfühlig geschehen, da die Konjunktur bei zu schnellen Steigerungen der Leitzinsen abgewürgt werden könnte. Der Effekt wäre genau das, was man wenn nicht verhindern, so doch zumindest abschwächen wollte - ein Abschwung!

 

> Fortsetzung des Szenarios

 

Ein Abschwung hat stattgefunden, und mündet nun in eine Rezession ein. Die Unternehmen, ohnehin mit stark rückläufigen Umsätzen konfrontiert, legen ihr Kapital lieber zu den hohen Zinsen an, anstatt in eine ungewisse Zukunft zu investieren. Die Inflation ist kein Thema mehr, bisweilen gehen die Preise sogar zurück (Deflation). Um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten und zugleich den Boden für einen neuen Aufschwung zu legen, senkt die EZB zügig die Zinsen. Das kann sie sich problemlos leisten, denn die Gefahr von Inflation besteht in der momentanen Lage ja nicht. Dadurch werden Kredite für Investition billiger, das Anlegen des Kapitals aber gleichzeitig immer weniger attraktiv.

Und so leistet die EZB, wenn auch primär mit dem Ziel der Inflationskontrolle, ihren Beitrag zur Regulierung der konjunkturellen Entwicklung.

 

> Konsequenz für den Anleger

 

Steigende Zinsen sind Gift für die Börse. Denn wenn nicht weiter expandiert wird, steigen auch die Gewinne langsamer - und damit auch die Aktienkurse. Das alleine könnte zwar weiterhin leicht anziehende Notierungen zulassen, aber: Gemeinhin werden in Aktienkursen bereits die Erwartungen der Zukunft vorweggenommen. Da diese Erwartungen leider - aufgrund der Tatsache, dass die Zukunft nun einmal recht ungewiß ist - nur die Entwicklungen der Vergangenheit fortschreiben, müssen Erwartungen stark steigender Gewinne, die bereits im Kurs enthalten sind, revidiert werden. Die Aktiennotierungen sind also zu weit vorausgeeilt, und werden daher in aller Regel fallen müssen, um sich den Realitäten wieder anzugleichen!

 

Und: Wenn die Zinsen wieder ein entsprechend hohes Niveau erreicht haben, tritt die Anlagemöglichkeit hochverzinster Rentenpapiere plötzlich zu den Aktien in Konkurrenz. Denn wenn man hohe Zinsen bekommt, die weit über dem Niveau der Dividenden auf Aktien liegen, warum sollte man sich dann dem Kursrisiko aussetzen, das Aktien nun einmal mit sich bringen? Andererseits sorgen fallende Zinsen für per saldo steigende Kurse. Denn mit der Rücknahme der Zinsen wird ein Aufschwung immer wahrscheinlicher. Auch wenn die Gewinne der Gesellschaften nicht sofort mit der ersten Zinssenkung anziehen: Die Börse nimmt die Entwicklungen vorweg, so dass die Aktienkurse bereits erheblich anziehen können, obwohl die Rezession noch nicht einmal vorbei ist.

 

 

1.5. Gute Nachrichten - Fallende Aktienkurse

 

Eine wichtige Erkenntnis lässt sich aus den vorangegangenen Abschnitten ableiten: Gute Wirtschaftsmeldungen sorgen manchmal für nachgebende Kurse an der Börse. Nun, was dem Einsteiger oft verwirrend und unlogisch erscheint, hat eine einfache Lösung: Die Furcht vor steigenden Zinsen. Dabei muss man aber genau auf die Phase achten, zu der solche Reaktionen möglich sind. Aus dem Drang, rechtzeitig einzusteigen, pflegen die Anleger die Börsenkurse in aller Regel bereits in die entsprechende Richtung zu treiben, bevor die Umstände eintreten, die eine solche Kursbewegung rechtfertigen. Wenn also nach einer Phase der Rezession plötzlich wieder gute, ein Wachstum bescheinigende Daten veröffentlicht werden, dienen diese als Bestätigung der Hoffnungen. Die Kurse werden daraufhin durchaus weiter kräftig steigen. Anders sieht es aber aus, wenn ein Aufschwung bereits im vollen Gange ist. In diesem Fall schielt jedermann ängstlich auf die volkswirtschaftlichen Indikatoren, da ein vielleicht daraus ableitbares, zu starkes Wachstum die Notenbank veranlassen könnte, die Zinsen zur Dämpfung des Wirtschaftswachstums zu erhöhen. Und da höhere Zinsen (bekannterweise allerdings um drei Ecken) zu fallenden Aktienkursen führen, führt jede hervorragende Konjunkturzahl in dieser Phase zu fallenden Kursen!

 

 

1.6. Stärken und Schwächen der volkswirtschaftlichen Indikatoren

 

Ziehen wir aus dem nun Gelernten ein Resümee. Was können Sie als privater Investor mit all diesen Indikatoren anfangen - und was nicht? Die Veröffentlichung konjunktureller Indikatoren wird allgemein mit großer Spannung erwartet. Sobald eine Zahl über die Monitore der Nachrichtendienste wie Reuters oder VWD flimmert, beginnen hektische Aktionen, die in der Regel zu kräftigen Kursausschlägen führen. Insbesondere in den USA, wo die Börsenteilnehmer noch "statistikverrückter" sind, reagieren die Märkte oft nahezu hysterisch auf so "entscheidende" Größen wie die Zahl der verkauften Einfamilienhäuser im Oktober.

 

Sie als privater Anleger sind in der Situation, weitaus langsamer als die Profis reagieren zu können. Würden Sie versuchen, auf diese Mitteilungen zu reagieren, wären Sie der Letzte, der dann eben zu bereits extrem gestiegenen oder gefallenen Notierungen kaufen oder verkaufen könnte. Das ergibt keinen Sinn - aber Verluste. Denn im Anschluss an solche Nachrichten gehen die Märkte immer wieder zur Tagesordnung über, oft werden dann die starken Ausschläge des Vortages zum Teil wieder ausgeglichen.

 

Damit aber nicht genug: Niemals läuft ein Auf- oder Abschwung gerade und zielgerichtet ab. Immer wieder gibt es "Ausreißer", also Zahlen, die scheinbar eine Trendwende ankündigen, im nächsten Monat aber schon wieder genau in das Gesamtbild passen. Ob es sich um "Ausreißer" oder um Trendwenden handelt, können Sie aber nicht feststellen, bis der nächste Wert dieses volkswirtschaftlichen Indikators eintrifft!

 

Sind diese Indikatoren damit wertlos? Nein, keineswegs! Man muss sich nur zwingen, nicht hysterisch auf jede einzelne Zahl zu blicken, sondern die Zahlen in einen mittelfristigen Rahmen einordnen. Denn da sich die Konjunkturzyklen über Zeitspannen mehrerer Jahre erstrecken, müssen auch diese einzelnen volkswirtschaftlichen Indikatoren in diesem Rahmen betrachtet werden. So gelingt es Ihnen, die Informationen zu erlangen, die diese Werte liefern können: Handelt es sich momentan um eine günstige oder ungünstige Phase, um Aktien zu kaufen, zu halten oder zu verkaufen?

 

Dies und nichts anderes bietet der volkswirtschaftliche Teil des fundamentalen Ansatzes. Um aber diejenige Aktie mit den günstigsten Kurschancen herauszufinden oder gar das optimale Timing zu erlangen, benötigen Sie völlig andere Ansätze.

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