In wirtschaftlicher Hinsicht öffnet sich die Schere im Euroland dramatisch. Die aktuellen Zahlen von - 0,1% im BIP für das 2. Quartal überspannen nur mühsam eine Kluft, die in der Wirtschaftsentwicklung aufbricht. Das Wachstum in der Eurozone wird nur durch das robuste Wachstum in Deutschland, Frankreich und Benelux an der Stagnationsschwelle gehalten. Abgesehen von diesen Ländern, die den wirtschaftlichen Mittelpunkt der Eurozone bilden, verschärfen sich vielfach die individuellen Probleme sogar. Neben Irland, wo der private Konsum um 6,2% einbricht, stehen die Mittelmeerstaaten mit heruntergelassenen Hosen da: In Spanien ist die Arbeitslosenquote noch einmal auf nun 18,5% gestiegen, Italien lässt die Staatsverschuldung auf 105% ansteigen und die Kosten für die Staatsschulden in Griechenland liegen mit 4,5% um mehr als 40% über den Sätzen, die Deutschland zahlt.Die EZB geht nun in Ihrer Projektion von einer Veränderung des BIP von etwa -4% für 2009 und von einer Stagnation für 2010 aus. Die Anzeichen für eine mögliche Entspannung leitet die EZB vor allem aus dem positiven Verlauf der Stimmungsindikatoren ab. Der Indikator für die wirtschaftliche Einschätzung hat von 64,6 Punkten im März auf aktuell 80,6 Punkte angezogen. Die Einschätzung der Lage ist damit zwar weniger dramatisch als zu den Stimmungstiefs im Frühjahr, allerdings immer noch negativ. Erst Werte über 100 zeigen eine positive Erwartungshaltung an. Wie stabil eine Erholungsbewegung jedoch ist, die eine gefühlte Entspannung zugrundelegt, wird sich erst noch beweisen müssen. Die Einschätzung der EZB stützt sich nämlich auf statische Annahmen zu den wichtigsten Einflussfaktoren. Dass Wirtschaft jedoch eine dynamische Beziehung zwischen Menschen darstellt, die als Privatperson oder in Firmen Entscheidungen treffen, haben wir in den Wochen nach der Lehmann-Pleite beobachten können. Wir dürfen daher gespannt sein, welche Dynamik sich entfaltet, wenn das Ende der Abwrackprämie und der Kurzarbeiterregelung in Deutschland mit der saisonalen Abschwächung in der Eurozone in der kalten Jahreszeit zusammentrifft. Sollte obendrein die Hoffnung in staatliche Konjunkturprogramme schwinden und sollten enttäuschte Arbeitslose und Jugendliche ihren Platz in der Gesellschaft einfordern, könnte die EZB die freundlichen Stimmungsindikatoren künftig anders deuten: Hurra, wir sinken langsamer!Michael de ManFXdirekt Bank AG