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Schleich di, du Oaschlochjoahr!: Ein Anus horribilis geht, die Hoffnung bleibt

Insider Nº558 / 20 23.12.2020 Kommentar

Geschätzte Paternosterfahrer,

wisst ihr noch, was ihr am 16. März 2020 gemacht habt? – Damals trat im Zuge des ersten Lockdowns die Verordnung bezüglich der Ausgangsbeschränkungen in Kraft. Es wurde ernst im Staate. Plötzlich standen alle Räder still, ein ganzes Land geriet in Schockstarre. Ein neuartiges Virus verbreitete sich rasant über den Globus und zwang die Volkswirtschaften in die Knie. Bis dato forderte die Pandemie mehr als eineinhalb Millionen Todesopfer und genauso viele Einzelschicksale mit ganz persönlichen Träumen, Gefühlen, Schmerzen. Das Jahr brachte unermessliches Leid, aber es zeigte auch mehrere Hoffnungsschimmer – denn nicht jedes Licht am Ende des Tunnels ist das eines entgegenkommenden Zuges.

Milliardendeals

Der hellste Silberstreif am Horizont ging sicherlich von den Impfstoffherstellern aus. Deren Aktienwerte schossen in die Höhe. Bei diesem Trend konnte etwa die Marinomed Biotech AG mitnaschen, sie legte mit angewandter Forschung im Kampf gegen Corona eine bemerkenswerte Performance hin. Erstaunlich resistent zeigte sich in dieser Krise die Börse im Allgemeinen: Sie machte eine sogar für ernsthaft überzeugte Optimisten richtiggehend positive Entwicklung durch. Nach einem Jahr der Unsicherheit ist man einem Happen Zuversicht keinesfalls abgeneigt. Der positiven Stimmung an der Börse folgend gingen heuer auch einige Milliardendeals über die Bühne. Der Rainer Seele ging auf Odyssee, verleibte sich und seiner OMV AG die Borealis AG ein – und zitierte mit Gelassenheit Homer. Die steirische AMS AG übernahm nach Wochen des Zitterns den Großkonzern Osram – auch ein Heldenepos. Last, but not least wollte auch die Uniqa Insurance Group AG nicht kleckern und kaufte in Osteuropa auf, was nicht niet- und nagelfest ist. Ebenso profitierte die Post AG und antwortete mit der Gründung der Bank99.

Verkleidungstaktik

99 ist eine unschuldige Zahl und viel niedriger als die Zahl der Verluste der Commerzialbank Mattersburg – womit wir bei den Milliardenpleiten des Jahres sind. Im Fall Mattersburg zeigte sich, dass Bankräuber über kurz oder mitunter auch lang doch geschnappt werden, egal ob sie eine Bank überfallen oder eine gründen. Das Problem dabei: Ein Bankdirektor sieht nicht aus wie ein Bankräuber, weshalb man den Mattersburgern so lange nicht auf die Schliche gekommen ist. Die im TV gezeigten Bilder des Schließfächerraubs in Wiener Bankfilialen hingegen ließen keine Zweifel: Die dunklen Gestalten mit gesichtsbedeckenden Masken und großen Taschen sind Kriminelle. Von einem Jan Marsalek oder Markus Braun, ihres Zeichens Initiatoren des Wirecard-Skandals, lässt sich das nicht auf Anhieb sagen. Doch wird der eine nun per Interpol gesucht, der andere wurde festgenommen. Bei solch einer perfiden Verkleidungstaktik kann man den Prüforganen schlecht Versagen vorwerfen.

Hotspot U-Ausschuss

Versagen ist übrigens menschlich. Vergessen auch. Diese bahnbrechenden Erkenntnisse konnte man heuer beim Ibiza-U-Ausschuss gewinnen, der zum Forum Alpbach der „Seitenblicke“ mutierte: Rene Benko, Hans Peter Haselsteiner, Stefan Pierer, Wolfgang Leitner, Klaus Ortner und auch der Seele trugen das Ihre bei zur Aufklärung der Hintergründe einer „b’soffenen G’schicht“. Wo sonst hätte man so viel Unterhaltung genießen können? War doch alles wegen des Virus geschlossen. Nur die Kathrin Glock hat die Ansteckungsgefahr solcher Society-Events erkannt und ist zu Hause geblieben. Das ist ihr letztlich gar nicht gut bekommen.

Ebenso nicht gut bekommen ist dem Hauptangeklagten im Buwog-Monsterprozess das Urteil: acht Jahre Haft für Karl-Heinz Grasser. 168 Verhandlungstage mit 150 Zeugen und deren Aussagen verleihen der Causa das Prädikat „Jahrhundert-“. Da platzte dem Starverteidiger Manfred Ainedter auch gleich der Kragen, und er teilte seine Aerosole und so manchen juristischen Fachausdruck (er nannte die Richterin „Domina“, Anm.) mit den Journalisten, ganz ohne Sprechwindel, aka MNS-Maske. Möge er gesund bleiben.

Murphys Gesetz

Die Herausforderungen im Jahr 2020 waren enorm, aber auch lehrreich: Murphys Gesetz hat sich in vielen Bereichen bewahrheitet. Die Corona-Pandemie hat so manche Dogmen infrage gestellt und uns die Verletzlichkeit des globalen Wirtschafts- und Finanzsystems vor Augen geführt. Die Lehren? Wir können uns wehren. In Rekordzeit wurden in dem Jahr gleich mehrere Impfstoffe entwickelt, die auf eine zumindest schrittweise Rückkehr zur Normalität hoffen lassen – eine Schutzimpfung gegen das Virus und zugleich gegen den Verlust staatsbürgerlicher Grundrechte. Ein Blick auf die Börse beruhigt ebenso: Nicht einmal der schreckliche Terroranschlag am 2. November sorgte dort für Irritationen. Entpuppt sich der Finanzmarkt gar noch als zuverlässiges Orakel für einen vorsichtig positiven Ausblick auf 2021? Schön wär’s. Ein Annus horribilis geht zu Ende, der Anus horribilis im Weißen Haus geht auch, es kann also eigentlich nur noch besser werden.

Dem Spruch des Jahres folgend, wollen wir mit Zuversicht aus voller Kehle rufen: „Schleich di, du Oaschlochjoahr! Und nimm den Babyelefanten mit.“ – Schöne Feiertage und guten Rutsch.

In diesem Sinne,
„Cash up!“

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