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Si tacuisses …: Gernot Blümel bleibt Philosoph

Insider Nº476 / 21 16.12.2021 Kommentar

Geschätzte Paternosterfahrer,

wenn du in der Politik von deinem Amt ab- oder auch nur zur Seite trittst, löst das immer einen wahren Spekulationstornado in den Medien aus. So geschehen bei den jüngsten Rochaden in der österreichischen Spitzenpolitik. Die führenden Politkommentatoren zerreißen sich ihr Maul und speien Häme und Spott über die Rücktrittskandidaten, jedes Bezirksblatt kennt die vermeintlich realen Hintergründe einer solchen Entscheidung, die nicht immer freiwillig getroffen wird, auch wenn das die Proponenten noch so oft beteuern. Selten jedoch erfährt die Öffentlichkeit die richtige Wahrheit.

Letztens, kurz vor der Lockdown-Pause von einer tiefen Lockdown-Depression befallen, begeb ich mich in kontemplativer Absicht zum Friedhof der Namenlosen. Geht es einem schlecht, ist man immer froh, andere zu sehen, denen es noch schlechter geht. Und wie ich da die Treppen bei der Auferstehungskapelle hinuntersteigen will, sitzt mir da ein Wurstsemmel essender jüngerer Mann im Trenchcoat im Weg. Er macht mir Platz, ich steig an ihm vorbei – und ich werd nicht mehr, ist es doch der Gernot Blümel.

„Ja Gernot, was zieht dich hierher?“, frag ich ihn verdattert. „Servus Gekko!“, schießt es aus ihm raus, „super, dass ich dich treff. Ich hab ein bisserl eine Depri, weißt, und da komm ich gern hierher.“ – „Ja, wieso Depri? Du hast ja jetzt nach deinem Rücktritt mehr Zeit mit Family und so. Ist doch gut“, sag ich aufmunternd. „Blödsinn!“, faucht der Gernot, „ich hätt voll gern noch weitergemacht. Es ist ja noch so viel liegen geblieben – steuerliche Anreize wollten wir durchsetzen für die Behaltefrist von Wertpapieren sowie für grüne Finanzprodukte, die Einführung einer grünen Anleihe der Republik, das Regierungsprogramm ist auch noch lang nicht zur Gänze abgearbeitet. – Und dann tritt der Sebastian zurück. Das war ein herber Rückschlag. Wenn nur Corona und die Chataffaire nicht gewesen wären, könnte ich heute als der erfolgreichste Finanzminister der Zweiten Republik dastehen, verstehst?“ – „Warum bist du dann überhaupt zurückgetreten, ist denn bei dir die Luft draußen?“, frag ich ein bissl naiv.

Der Gernot beißt von der Wurstsemmel ab. Dann fährt er fort: „Okay, dass ich mich 86-mal beim U-Ausschuss nicht erinnern konnte, ist ja grad noch durchgegangen. Und das mit dem Laptop im Kinderwagen hat man mir auch abgekauft. Dass ich beim Budget 2020 sechs Nullen vergessen hab – geschenkt. Im Finanzministerium hat man es mit so vielen Nullen zu tun, da kann sowas schon vorkommen. Aber: Woher zum Kuckuck soll ich wissen, dass man Chats nicht einfach so löschen kann?“ – Der Gernot nimmt die Sonnenbrille ab. „Was heißt das“, frag ich, etwas skeptisch geworden, „kommt denn da noch was raus?“ – Der Gernot stopft sich das letzte Stück Semmel rein, kaut lang, sehr lang, schluckt und sagt: „Si tacuisses, philosophus mansisses. – Siehst, ein Philosoph bin ich wenigstens geblieben.“

In diesem Sinne,

„Cash up!“

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